Heute war ich mit J. in Westberlin und wir philosophierten so ein wenig vor uns hin und dann meinte er ich solle diese meine neuen Erkenntnisse doch aufschreiben und ich habe so hin und her gedingst und gemeint mir sei gerade nicht so danach und es fehle an Ideen aber eigentlich hatte er doch recht. Also.

Ich war mit M. verabredet und wir lagen in der Sonne und erzählten uns von unseren Leben und dann musste sie zum Zug. Aber zum Glück war ich ja auch noch mit J. verabredet und der meinte, komm, wir machen mal was Verrücktes, wir fahren in den Westen.

Ich brachte also M. zum Hauptbahnhof und unterwegs begeisterten wir einander mit unserem mangelhaften Wissen über den Verlauf der Berliner Mauer (Zitat: Hier im Norden ist glaub ich Osten.) und ich musste aus peinlicher Berührtheit ein paar echte Touristen vorbei gehen lassen, damit das nicht so auffiel mit dem Stochern im historischen Nebel.

Am Hauptbahnhof hüpfte dann J. in den Bus in dem ich schon saß und der bisher 245 hieß, jetzt aber 123. Also eigentlich hieß er „Betriebsfahrt“, aber der Fahrer brüllte beim Halten und Öffnen der Türen liebevoll „Ditt is der 245er.“. Der dann aber zum 123er wurde. Der wiederum nicht wirklich dahin fuhr, wo wir hin wollten, aber nun saßen wir schon und was Besseres fiel uns nicht ein. Auf in den Westen!

Einmal ums Poststadion rum und mitten in Moabit war das dann aber auch schon genug Abenteuer und wir wechselten zur U9. Zum Ernst-Reutter-Platz und dann laufen wir da so hinter, da finden wir sicher was, so lautete der Plan. Blöd halt nur, dass die U9 ja gar nicht über Ernst-Reutter-Platz fährt. Es rächte sich, dass wir nicht öfter im Westen waren. Neue Idee: Komm, wir gehen ins KaDeWe! Dann fiel uns aber zum Glück noch rechtzeitig ein, dass das ja überdacht ist und der Sinn der Sache war ja eigentlich gewesen, irgendwo in der Sonne zu sitzen.

Wir einigten uns dann auf das nächstliegende und fuhren weiter nach Schöneberg und aßen Burger am Nollendorfplatz.

So richtig knackig warm war’s dann auch nicht mehr und statt noch irgendwo zu sitzen spazierten wir lieber mit der Sonne im Rücken entlang der Hochbahn zurück Richtung Osten. Filmreifer Auftritt. Jetzt kommt der Teil mit dem Philosophieren: Gentrifizierung, Schwabenhass und Wohnungsmangel. Außerdem stellten wir fest, dass es da offenbar eine Art Straßenstrich gab, der nicht die Kurfürstenstraße ist und das wussten wir gar nicht und natürlich sprachen wir dann über das Wesen der Prostitution und plötzlich war die Straße zu Ende.

Wir sind dann an einer Kleingartenkolonie vorbei gestolpert und standen plötzlich auf einem weiten grünen Feld und Berlin sah aus, wie eine Stadt aussehen soll. Es fiel ein Central-Park-Vergleich, ich freute mich über das schöne Wort „Rasenansaatfläche“, wir beschlossen, dass man doch wirklich mal Beachvolleyball spielen gehen könnte und rätselten darüber, welche Bäume da am Wegrand standen um dann festzustellen, dass es eigentlich egal war und am Ende fanden wir auch den Weg zurück zur Ubahn und fuhren wieder heim.

Schön war’s im Westen.

Dass das deutsch-russische Jahr in Berlin bisher besonders präsent wäre, kann man nicht wirklich behaupten. Als ich im September in Moskau war, hatte ich den Eindruck, dort seien an allen Ecken und Enden Veranstaltungen und Ausstellungen anlässlich dieses in meinen Augen recht willkürlich gewählten Jubeljahres geplant oder im Gange. – In Berlin drängt sich dieser Eindruck nicht unbedingt auf. Umso  gespannter war ich daher, was die relativ unauffällig beworbene aber gerade daher in meinen Augen als vermutlich qualitativ hochwertige (man verzeihe mir dieses elitäre Vorurteil) einzustufende Ausstellung „Russen & Deutsche. 1000 Jahre Kunst, Geschichte und Kultur“ zu bieten hatte.

Nun bin ich zwar vielseitig kulturell interessiert, meine Eigenmotivation hält sich aber bedauerlicherweise in Grenzen, so dass ich meist erst dann in Museen, Theater oder Konzertsäle komme, wenn man das für mich organisiert. So auch in diesem Fall. Zum Glück hat meine Russischlehrerin beschlossen, dass es an der Zeit für einen Klassenausflug sei und nicht nur kam ich endlich mal ins wirklich sehr schöne und eindrückliche Neue Museum, sondern eben auch in diese Ausstellung. Inklusive Führung. Auf Russisch. Natürlich. (Notiz: Der Chor auf der Freitreppe, als wir ankamen, der wäre nun also wirklich nicht nötig gewesen…)

Zum Glück (Frau L., es tut mir leid…) war die Beschilderung der Ausstellungsräume und –gegenstände auf deutsch (und englisch, nicht auf russisch, Manko Nummer 1), so dass ich hier nicht im fehlerhaft-halbinformierten Raum vor mich hin strauchle.

Also. Die Ausstellung an sich ist sehr schön. Dieses auf den ersten Blick sehr unspezifische Urteil basiert darauf, dass die Optik der Räume, die Farbwahl, die Einrichtung, die Darstellung und Präsentation der Exponate, die Beschriftungen etc., einfach schön sind. Man sieht sich das Ganze gerne an. Auch die Aufteilung der Räume (recht konventionell) und die damit verbundenen Exponate bzw. Themenschwerpunkte sind sehr gut gewählt und halten das Interesse des Besuchers hoch. Katharina II. ist zum Beispiel gelb.

Leider ist Schönheit aber auch schon fast das einzig Positive, das ich zu vermerken habe. Während M. die Qualität der ausgestellten Artefakte bemängelte, finde ich, dass gerade die Auswahl scheinbar profaner Gegenstände neben weltberühmten Gemälden interessante Ideen widerspiegelt. Das Konzept, das beispielsweise hinter der parallelen Installation zweier ähnlicher Schuhe, wie sie zum einen in Schleswig, zum anderen in Nowgorod gefunden wurden, oder die Präsentation von Rüstungen, Bauplänen und Ersteditionen muss man sich erstmal überlegen. Daher: Ein großer Pluspunkt für die Konzeption. Die Verbindungen, die seit nunmehr über 1000 Jahren zwischen Volksstämmen in der Gegend des heutigen Russland und des heutigen Deutschland, zwischen den daraus hervor gegangenen Fürstentümern und Staaten bestanden und bestehen, werden auf ansprechende Weise präsentiert.

B. möchte mich immer von der Sandwich-Methode überzeugen, sprich Lob – Kritik – Lob, aber ich bin alter Schule, ich habe gelernt These – Antithese – Synthese und deshalb folgt jetzt die Kritik und dann die Schlussfolgerung, die sich ja aber auf meine Kritik stützt. Die Ausstellung hat zwei kleine und ein großes Problem. Es soll die Geschichte der Beziehungen zwischen „den Deutschen“ und „den Russen“ dargestellt werden, an keiner Stelle wird aber genauer definiert, wer das eigentlich sein soll. Man erfährt von den Beziehungen zwischen Nowgorod und der Hanse, von den Gesandten Ivans IV. zum Reichstag Maximilians II. in Regensburg, von der Heiratspolitik der russischen Zaren und von den Exilanten im Berlin der 1920er Jahre – aber was sie alle verbindet und wieso das jetzt „die Russen“ bzw. „die Deutschen“ sind, nunja. (Dass die erklärenden Tafeltexte eher mittelgut sind, das übergehe ich an dieser Stelle einfach mal.)

Die gemeinsame Geschichte beider, ich sag jetzt mal Nationen, endet dann im Prinzip 1939. Ein Schnelldurchlauf in einem Raum vom Ersten Weltkrieg über die Kunst der 1920er (Heinrich Vogeler, El Lissitzky) und die deutschen Architekten, die am Wettbewerb für den Palast der Sowjets teilgenommen haben, führt zum Hitler-Stalin-Pakt (das Herz der Historikerin hüpfte ein wenig ob des Originals der berühmten Karte) und dann ist Schluss. Der nächste Raum ist eine künstlerische Interpretation des Zweiten Weltkriegs und danach kommt nicht mehr viel. Besatzungszeit? Kalter Krieg? Mauerbau? Perestroika? Putin? Fehlanzeige.

Ich gebe zu, ich war noch ein wenig abgelenkt von meiner sehr negativen Reaktion auf die Kunst (ich komme sofort darauf zurück), aber ich glaube, da habe ich nichts übersehen. Der letzte Raum ist mit Zitaten berühmter und weniger berühmter Russen über Deutschland geschmückt (Lew Kopelew, Wladimir Kaminer) und mit in der Hauptsache Bildern vom Leben in Deutschland. Kurzer Disclaimer: Ich bin da dann wirklich sehr schnell durchgelaufen und vielleicht tue ich der Sache Unrecht, kann schon sein, aber auffällig anders, als eben beschrieben war’s zumindest nicht. Ganz am Ende folgt noch ein kleiner Exkurs zum Thema Bernsteinzimmer und Beutekunst (vom Umfang her völlig zu vernachlässigen) und aus. Schade, schade, schade.

Nicht nur, dass meiner Ansicht nach eine künstlerische Darstellung des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust (ich nehme mal an, der ist damit auch gemeint), in einer historischen Ausstellung einfach nichts zu suchen hat, ich finde wirklich, dass der positive Eindruck, den die ersten beiden Drittel der Ausstellung geschaffen haben, dadurch ausradiert wird.

Warum diese starke Reaktion? Zum Einen deshalb, weil das gleiche Prinzip auch schon in der Ausstellung über 1000 Jahre deutsch-polnischer Geschichte vor nicht allzu langer Zeit im Martin-Gropius-Bau ganz ähnlich zu beobachten war (hier ersetzte ein schwarz abgehangener Raum eine Auseinandersetzung mit bzw. Repräsentation der Jahre 1939-1945). Die damalige Ausstellung war an sich ein Flop in meinen Augen, so dass sich das eben in den Gesamteindruck einfügte, was wir im Besucherbuch auf mehreren Seiten auch so anmerkten, aber hier und heute war ich richtiggehend enttäuscht. Und ich hatte irgendwie sogar damit gerechnet – ich sollte wirklich mehr auf mein Bauchgefühl hören.

Zum Anderen deshalb, weil die Argumentation, dass die Geschichte des Zweiten Weltkriegs (und des Holocaust?) zu Genüge dargestellt worden und hinlänglich bekannt sei nun also wirklich kein Argument sein darf und auch nicht der Gedanke, dass sich jeder Besucher seine eigenen Vorstellungen machen könne, wenn er die fünf Bilder von russischen/deutschen Landschafen (St. Petersburg, Wolgograd, Kursk, Nummer 4 habe ich vergessen, Seelower Höhen, alle 2012 aufgenommen, im Winter, wie „passend“) auf sich einwirken lässt. Was sollen das dann für Vorstellungen sein? Eigentlich doch nur Panzer.

Panzer in der Steppe, Panzer auf dem Eis der Newa, Panzer im Schwarzerdegebiet, Panzer vor Berlin. Und das war dann der Zweite Weltkrieg? Großartige Auseinandersetzung mit einem Thema das nun gerade für die Spannungen im deutsch-russischen Verhältnis steht, immer noch. Entweder man konzipiert eine historische Ausstellung oder eine künstlerisch-emotionale. Sich um eine Diskussion zu drücken, weil man „das ja schon oft genug hatte“… dazu fällt mir nun wirklich nichts Nettes mehr ein. Die Relevanz von hessischen Prinzessinnen, die mit 14 an den Zarenhof verheiratet wurden, sehe ich heute außerhalb gewisser Presseerzeugnisse nicht mehr unbedingt, aber die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges kann man weiterhin live und in Farbe erleben. Und deshalb gehören diese Jahre in eine Ausstellung über 1000 Jahre Geschichte der Deutschen und der Russen. Oder man nennt sie eben “1000 Jahre Heitschipopeitschi und alles Blöde lassen wir weg”.

Bekanntlich ist es ein wenig schwierig mit mir und den Dingen, die ich esse. Dabei ist es erstmal ganz einfach: Kein Gemüse. Kein Käse. Und dann kann man weiter sehen, dann kommen die Spezifika. Wie ich denn in Russland zurecht komme und wie es mit dem Essen aussieht ist daher eine berechtigte und oft gestellte Frage.

Wer den Roman “Alles ist erleuchtet” von Jonathan Safran Foer gelesen hat, der zwar in der Ukraine spielt, aber die Einstellung der Russen zum Essen trotzdem ganz treffend wieder gibt, weiß, dass es nicht unbedingt auf Verständnis stößt, wenn man hier mit Extrawünschen ankommt. Im Roman wird der Ich-Erzähler mit dem Unverständnis seiner Gastgeber darüber konfrontiert, dass er, als Vegetarier, es vorzieht eine Kartoffel-ohne-Alles als vollständige Mahlzeit zu sich zu nehmen. Ohne Fleisch. Und ja, Hühnchen ist auch Fleisch.

(Hähnchen. Zugegebenermaßen vom ästhetischen Standpunkt aus eher nicht so toll.)

Nun wandle ich aber nicht erst seit gestern in einer Welt der seltsamen Geschmäcker (Warum köstliches Fleisch mit Käse überbacken? Warum knackige Karotten zerkochen?) und finde doch meistens irgendetwas, das mir zusagt. Im Zweifel eben reduziert auf die so genannte “Sättigungsbeilage”, sprich Kartoffeln, Reis oder am allerliebsten natürlich Nudeln. Ohne Alles.

Allen, die sich Sorgen gemacht haben, ich könnte urplötzlich abmagern, sei versichert: Essen an sich ist in Russland absolut kein Problem. (Es folgt an dieser Stelle kein Historiker-Scherz, bitte selbst dazu denken.) Fleisch wird hier generell sehr hoch geschätzt und folgt (persönlicher Eindruck meinerseits, statistisch nicht belegt) unmittelbar auf dem zweiten Platz in der inner-russischen Köstlichkeitsskala nach капуста (Kraut. In allen Farben und Formen und Zubereitungsarten. Mir selbstverständlich völlig unverständlich.) Und zu jeder Mahlzeit gibt es aus Prinzip Brot, denn ohne Brot ist die Mahlzeit nicht vollkommen. In Restaurants zurecht zu kommen stellt daher kaum ein Problem dar. Im Zweifel weise ich die Kellnerin dezent darauf hin, dass doch bitte absolut kein Käse in meinem Salat/auf meinen Nudeln/in meiner Soße sein möge, da ich diesen wirklich also gar nicht mag. Kein Käse? Nein, wirklich nicht, ich mag ihn ganz arg nicht. Wirklich. Ja wirklich. Meistens klappt’s. Und meistens finden sich auch dankbare Abnehmer für das ganze überflüssige Gemüse im Salat/in der Soße/als Beilage.

(Brot europäischer Tradition.)

Die Schwierigkeitsstufe erhöht sich in den столоваяs (Kantinen), die es – herzlichen Dank hierfür – in fast allen öffentlichen Einrichtungen (Bibliotheken zum Beispiel!) gibt. Die zurückliegenden Aufenthalte im geliebten Puschkin-Institut haben mich in dieser Hinsicht perfekt ausgebildet: Auf unleserlichen Zetteln steht das jeweilige Tagesangebot, der Preis richtet sich nach dem Gewicht der Mahlzeit und es gibt immer макароны (Nudeln, yeah!). Das Problem besteht trotz Unattraktivität einzelner angebotener Speisen (Algensalat, unidentifizierbare Suppen, fragwürdige Fleischsoßen) nicht so sehr in der Auswahl, als vielmehr darin, diese dann den Damen hinter der Theke verständlich zu machen. Makkaroni bitte. – Что ещё? (Was noch – eine sehr wichtige Frage in allen Einkaufssituationen in denen Theken involviert sind.) – Nur Makkaroni. – Fleisch? Fisch? – Sonst nichts. – (Seltsamer Blick) – Danke. – Bitte. (On a sidenote: Das ständige “Danke”-Sagen macht es, neben mangelhaften Russischkenntnissen, äußerst einfach den Ausländer in Russland zu identifizieren.)

Die wahre Schatzgrube verbirgt sich jedoch (mit Ausnahme der Luxus-столовая im ГУМ, wo die Anordnung umgekehrt ist) unmittelbar vor der Kasse. Während die Kassiererin bereits in Hypergeschwindigkeit meine auf dem Tablett versammelten Speisen addiert und mir einen Preis entgegen wirft (kurzer double-check auf der Anzeige, jap, 150, nicht 115, das alte Spiel), greife ich nach einem Gebäckstück/Pfannkuchen/in Fett gebackenem Etwas, zucke dann aber zurück und stelle die wichtigste Frage überhaupt: Это сладкий? (Ist das süß?) Man könnte sagen, von all den vielen wichtigen Fragen, die ich hier täglich stelle (Wo ist … ? Was kostet das? Können Sie das wiederholen?) ist das die allerwichtigste.

Das Perfide ist nämlich, dass die russische Küche zwar, zu meinem größten Vergnügen, allerlei in Fett gebackene, gewendete oder gebratene Köstlichkeiten kennt, diese aber oft auch nicht-süß sind. Пироги (Piroggen), die mit Käse, Kraut oder Fleisch gefüllt sind oder Блины (Bliny, Pfannkuchen) dito, werden in der Auslage der Kantinen, Bäckereien, Supermärkte und Delikatessenläden jedoch in unmittelbarer Nähe zu den mit Äpfeln, Kirschen oder творог (Quark) gefüllten ausgestellt. Hinterhältig! Gemein!

Bei den Piroggen gibt es gewisse optische Hinweise, die man nach und nach erkennen kann, im besten Fall steckt irgendwo in irgendeinem der Teile ein Schild und mit viel Glück kann es auch entziffert werden. Aber wehe man ist in Eile, so wie ich neulich hungrig im Supermarkt und lässt sich von seinen eigenen kulturellen Vorannahmen leiten. Dann hat man plötzlich vermeintliche Quarkküchlein gekauft, die aber mit Fleisch gefüllt sind. Pech gehabt.

Hat man die süßen Speisen aber erst einmal identifiziert, wartet hier das reinste Paradies auf den Liebhaber der fettig-zuckrigen Küche. Wo Sahne rein, rauf oder runter kann, ist Sahne drin, drauf oder drunter. Was in Fett zubereitet werden kann, wird in Fett zubereitet. Und nach oben hin ist die Zucker-Skala ja bekanntlich offen.

Zum Schluss bleibt noch zu erzählen, dass B. und ich gestern, als wir in einem Bäckerei-Bistro standen und in uns hinein mampften (Pizza, Hackfleisch-Auflauf einerseits, Bliny mit Quark andererseits…) von den Angestellten gebeten wurden, uns in ihr Gästebuch einzutragen. Gerne auch in unserer Sprache – wo kommt ihr her?

(Ein so genanntes Biermenü.)

In München hat das Oktoberfest begonnen und in Moskau war Deutsches Weinfest in der Deutschen Botschaft. Eine herrlich deutsche Angelegenheit, die wir uns natürlich nicht entgehen lassen durften.

2012/13 ist Deutsches Jahr in Russland und umgekehrt Russisches Jahr in Deutschland. Keine Sorge, wenn ihr das nicht wusstet, ich wusste es auch nicht, bis ich hier an allen Ecken und Enden darüber gestolpert bin. Glückwunsch erstmal an die Öffentlichkeitsarbeit von deutscher Seite her. Die Ausgangslage ist aber auch günstig: Alles, was aus Deutschland kommt (sichtbar durch den Aufdruck von wahlweise schwarzrotgoldenen Flaggen oder indem die Aufschrift in lateinischen Buchstaben belassen wird), wird hier erstmal extremst positiv bewertet. Media Markt, deren Sortiment zu großen Teilen aus asiatischen Elektroartikeln besteht, wirbt hier zum Beispiel mit dem Slogan “фантастиш маркт” (fantastischer Markt).

Im Rahmen dieses deutsch-russischen Jahres war neulich ein Festival im Gorky-Park, bei dem Jan Delay und auch MC Andi mit seiner Band Irie Révoltés spielten. Großartig! Am besten gefallen hat mir und dem restlichen Publikum (neben den grandiosen Bands natürlich) der Auftritt des russischen Dolmetschers Lew. Zu behaupten, er hatte Schwierigkeiten, ist ein wenig untertrieben – spätestens als das Publikum die richtige Übersetzung zurück brüllte hatte auch er das dann vermutlich verstanden. Aber, wie Jan Delay feststellte: Es waren sowieso fast nur Leute da, die ihn eh auch auf deutsch verstanden. Und die restlichen fünf Russen waren Scooter-Fans.

Das Weinfest bot dann gestern endlich mal die Gelegenheit die Deutsche Botschaft zu besuchen. Es handelt sich dabei um einen Flachbau im Stil des Bundespräsidentenamts oder ähnlicher Prachtbauten aus den späten 1960er, frühen 1970er Jahren. Inklusive deutscher Gullideckel!

Bereits an der Pforte legte ich alle Zurückhaltung ab und begrüßte den Wachmann mit einem fröhlichen “Wir wollen zum Deutschen Weinfest” – ich weiß nicht, ob er deutsch sprach. Der Security an der Sicherheitsschleuse war Russe und sprach, wie alle Securities, nicht viel. “Сумка” (Handtasche). “Приходите” (Gehen Sie weiter.) Ok. Wo ist der Wein?

Das Weinfest hatte schon am Freitag angefangen, wir waren aber erst am späten Sonntag Nachmittag da – es mag sein, dass die Tage zuvor mehr los war. Als B. und ich die heiligen Hallen betraten war eher Firmenfestathmosphäre. Auf der Bühne spielte eine Jazz-Band, begleitet von einer Sängerinnenstimme aus dem Laptop, die versammelten Gäste saßen auf Bierbänken, Kinder rannten mit geschminkten Gesichtern und mit Luftballon-“Tieren” (hauptsächlich in Penis-Form, soviel Albernheit sei an dieser Stelle erlaubt) durch die Gegend. Wo ist der Wein?

Es gab ein Bon-System. An diesem Bon-System scheiterten die russischen Angestellten ein wenig. Unverständlicherweise. Am Eingang stand ein Tisch, auf diesem Tisch lagen verschiedene Listen aus. Eine russische Liste mit dem Essensangebot und eine deutsche Liste mit nach Anbauregionen sortierten Weinen. Die Weine waren nochmals in vier Farben unterteilt, je nach Güte und Preis. Es gab ein Glas Wein für 100 Rubel, für 200, 300 oder 400 Rubel. Zu jeder Preisklasse gab es einen Bon in der entsprechenden Farbe. Die Essenspreise bewegten sich zwischen 50 und 250 Rubel. Für 50 Rubel erhielt man im Austausch einen Bon mit dem Aufdruck “50 Cent”, wie man ihn von ähnlichen Veranstaltungen in Deutschland kennt. Für 200 Rubel erhielt man zwei “1Euro” Bons und so weiter. (Im Prinzip also ein Kurs von 1 zu 10… geschickt gemacht, Freunde). Soweit, so einfach.

Mit diesen Bons bewaffnet sollte man dann – das System ist bekannt – zu den entsprechenden Essens- bzw. Getränkeständen gehen und gegen das Gewünschte eintauschen. Beim Wein lief das so ab:

Sandra: Ich hätte gerne einen badischen Weißwein
Weinprinzessin: Lieber trocken oder halbtrocken?
Sandra: Lieber halbtrocken
Weinprinzessin: Ja also da haben wir diesen hier aus der Ortenau…
Sandra aka Klugscheißerprinzessin: Der sieht so fränkisch aus.
Weinprinzessin: Ja, wir haben da eine Ausnahmegenehmigung, dass wir den Bocksbeutel verwenden dürfen.
Sandra: Wo kommt der Wein denn genau her?
Fremder, ungefragter Mensch: Aus Deutschland.
Sandra: Ach ne. Und wo genau?
Weinprinzessin: Aus der Ortenau.
Sandra: Und wo genau?
Weinprinzessin: Aus Baden-Baden.
(Na also, war’s denn so schwer?!)

Beim zweiten Glas Wein stellte B. dann fest, dass es sinnvoller ist, sich nicht an die, Zitat, “Diademmädchen” zu wenden, sondern sich von den Einheimischen einschenken zu lassen, die machen die Gläser wenigstens schön voll. (Die hatten vermutlich, im Gegensatz zu den “Diademmädchen” nicht den Eindruck, dass 100 Rubel, sprich 2,50€ für ein Glas Wein zu wenig sei…) Das Problem mit den russischen Weinausschenkerinnen war aber, dass alles ein wenig länger dauerte:

Sandra hält den Bon hin, zeigt auf die Flasche.
Weinausschenkerin schaut den Bon an, schaut die Flasche an, schaut auf die Liste.
Sandra-das-geht-mir-hier-zu-langsam-wo-ist-mein-Wein zeigt den Wein auf der Liste.
Weinausschenkerin entziffert den Aufdruck auf der Flasche, entziffert den Ausdruck auf der Liste.
Sandra hält ihr Glas hin. (Es herrschte ein Mangel an frischen Gläsern.)
Weinausschenkerin sucht ein neues Glas.
Sandra wartet.
Weinausschenkerin kommt mit neuem Glas zurück, sieht das alte Glas, entscheidet sich für das alte Glas.

Die ganz große Verwirrung herrschte aber beim Essen. Ich hatte mich für einen Fitness-Salat (?) entschieden. Fehler. Natürlich gibt es auch in der Deutschen Botschaft in Moskau keinen Salat, der aussieht, wie ein Salat aussehen soll, sondern nur das übliche, in Mayonnaise gebadete Zeug. Augen zu und durch. Der junge Mann hinter dem Essenstand war ein wenig verwirrt. Salat also. Und was sonst? Kartoffeln? Wurst? Irgendwas? Wenigstens ein Brötchen? – Na gut, wenn’s denn sein muss. Was habt ihr denn für Brötchen? Achso, ja, richtig, das gleiche Papp-Gebäck wie auch in jeder Столовая (Kantine). Joa, dann nehme ich das weiße. Ich halte ihm meine Bons hin (laut Liste kostete ein Salat 200 Rubel, sprich zwei blaue 1-Euro-Bons. Er nimmt sich einen.

Weiter zum Süßgebäck-Stand. “Einen Apfel-, öhm, dingens, hier…” “Strudel?” “Ja, Strudel, bitte.” Ich gebe dem jungen Mann meinen grünen 50-Cent-Bon, entschließe mich dann aber, doch auch noch einen fettglänzenden Berliner zu wollen und halte im zusätzlich einen weiteren blauen 1-Euro-Bon hin. Er gibt mir den grünen 50-Cent-Bon zurück.

Ich gebe B. meinen 50-Cent-Bon, “hier, kauf dir was Schönes”. B. geht zum Wurststand und gibt dem jungen Mann am Wurststand den 50-Cent-Bon. Eine Wurst kostet 100 Rubel. Der junge Mann weiß nicht genau, wie er das deutlich machen soll. B. gibt ihm den grünen 50-Cent-Bon. Der junge Mann gibt B. eine Wurst. “Schmeckt die Wurst?” “Die hätte länger auf dem Grill bleiben müssen. Aber das war ein Elektrogrill. Ich schmecke das.” Der Senf war dafür todesscharf.

Das Ganze war ein großer Spaß!