Manchmal kommt eins zum andern und aus welchen Gründen auch immer, es hat sich so ergeben, dass in den letzten Tagen und Wochen eine unüblich hohe Anzahl an ausländischen Gästen in unser beschauliches Leben hier getreten ist. Nicht nur, dass mir dies die willkommene Möglichkeit gab meine durch Filme, Serien und Texte gestählten englischen Sprachkenntnisse dem Praxistest zu unterziehen, es bot sich auch die Gelegenheit eine repräsentative Umfrage zum Thema „Blick von außen auf dieses unser Leben hier“ durchzuführen. Wobei repräsentativ übertrieben ist und sich nur aus meinem gleichzeitigen Schreiben und Tagesschau-schauen ergibt. Klingt aber gut.

Was sehen sie also, die Englishmen in Berlin? In erster Linie Party. Ich sag nur easyjetset. Wie lautet noch mal die klassische Definition? Etwa so: Junge Menschen aus ganz Europa kommen nach Berlin, weil sie hier eine unvergleichliche Clubszene und Partylandschaft finden. Prinzipiell nicht falsch, zu wenig umfassend aber, wie ich finde.

Natürlich gibt es sie, die Horden von unqualifizierten Partygeschwadern. Es gibt ja auch aller Abscheu zum Trotz Junggesellenabschiede. Ich sag nur Pub Crawl. (Darf ich noch wen grüßen? Ja? Dann grüße ich Reeni. – Und meine Oma. Kann nicht nur der Thomas Müller, gell?!)

Vielleicht liegt’s ja daran, dass ich mich nur in äußerst elitären Kreisen bewege, aber ich habe den Eindruck, dass die Dinge schon auch etwas anders liegen. Die Berlin-Touristen, die ich treffe, würde man natürlich erstmal obiger Gruppe zuordnen, schließlich kommen sie mit easyjet und Konsorten hier an und ihr Hauptinteresse ist es feiern zu gehen. Aber mal ganz ehrlich, das wollen die meisten hier lebenden Altersgenossen ja auch und wenn die Flüge nunmal so günstig sind… Als ob das jetzt unverständlich wäre.

Die Umfrage:

Frage an A*: Wieso interessiert sich ein Amerikaner für Berlin? Antwort: Es ist so schön hier, ihr merkt das vielleicht gar nicht mehr, aber ihr lebt hier mitten in der Geschichte. – Ok, ein Klassiker.

Frage an B*: Warum kommst du alleine für ein Wochenende her, wenn du hier niemanden kennst? Antwort: Am Montag fange ich einen neuen Job an und da wollte ich am Wochenende noch mal was Cooles machen. Und da ich noch nie hier war… – Schon besser.

Ja, es ist so, dass eine Residenz in Berlin einem Gastgeber zu ungeahnter Attraktivität verhilft. Und tatsächlich scheint beinahe jeder, den man trifft, jemanden zu kennen, den er besucht. Und wenn es der Cousin des besten Freundes der kleinen Schwester ist. Trotzdem zeigen viele Besucher wirkliches Interesse daran, die locals kennen zu lernen. Sei das nun aus Berechnung, irgendwelche Ecken zu sehen, die „auch“ der lonely planet nicht kennt, so sei es eben so. Aber woher auch immer das Interesse, es ist vorhanden und tata: Der europäische Gedanke lebt! (Jaja, ich bin heute irgendwie drauf, sorry.)

Frage an C*: Was hast du gemacht heute? – Ich war brunchen, dann habe ich im Mauerpark Karaoke gesungen und dann waren wir um fünf Uhr nachmittags im Berghain. – Ok, here we go. An dieser Stelle lasse ich eine kurze Pause für alle, die gerne auf die Touristen schimpfen _ .

Aber fasse sich jeder an die eigene Nase: Wer von uns hat denn schon mal selbst Karaoke im Mauerpark gesungen? Genau. Wir schauen lieber Anderen zu. Und wie oft gehen wir Sonntag-Nachmittag tanzen? Jaja, ich weiß, rein theoretisch könnten wir jedes Wochenende durchtanzen. Aber im Endeffekt tut man’s dann doch nicht. Also die meisten von uns. Der langweiligere Teil der Bevölkerung, der um fün Uhr morgens müde wird und schlafen geht. Weil man ja immer die Möglichkeit hätte. Weil man eben doch keine Ferien hat. Und deshalb sind es nicht zuletzt die Touristen, die den Ruf Berlins als Partyhauptstadt aufrecht erhalten.

Frage an D*: Was gefällt dir hier besonders? Antwort: Dass man immer und überall Bier trinken kann. Sogar auf der Straße. – Genau, und in der Sbahn. Und in der M10. Machen wir auch, mögen wir auch, schön, dass es euch gefällt, fühlt euch wie zuhause.

Frage an E*: Was gefällt dir nicht hier? Antwort: Es gibt viele Dinge, die ich komisch finde, ist halt ne andere Kultur hier, aber eins verstehe ich nicht. Wieso lässt man die Leute nicht aussteigen?

– Ja man! Danke, dass du’s sagst. Es nervt uns doch genauso. Jeden Morgen stehe ich am Alexanderplatz, Bahnsteig U2 und es spielt sich immer das gleiche Spiel ab. Die Bahn kommt, die Meute drängt zu den Türen. Jetzt sind die Waggons sowieso schon nicht komfortabel breit und irgendein Schlaui ist auf die Idee gekommen nur an den Wagen-Enden Türen anzubringen, so dass im Inneren Stau entsteht. Und dann versuchen die Menschen einzusteigen, bevor die anderen draußen sind. Was soll das denn? Das ist nicht nur ein Akt der Höflichkeit, sondern alle haben es einfacher, wenn man die Leute erst aussteigen lässt. Man.

Klar bin ich die Erste, die mit dem Fuß stampft, wenn diese blöden Touristen mal wieder am oberen Ende der Treppe stehen bleiben und alles blockieren… Aber. Es braucht keine auswärtigen Besucher, um eklatante Mängel im merkwürdigen Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur rush hour festzustellen. Und da helfen auch keine großartigen Kampagnen à la Herz und Schnauze oder jetzt der neuste Spaß der Berliner Morgenpost. Wenn die Menschen hier eins nicht sind, dann nett. Schön, dass trotzdem immer wieder Besucher herkommen und das tolerieren.

Dieser Beitrag wurde Ihnen präsentiert von ungewöhnlicher Toleranz und außergewöhnlicher Abneigung.

(* Name von der Redaktion geändert.)

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One Response to “Sommerferien in Berlin – Tag 42-46: Fremd in der Stadt”

  1. Also, ich finds toll, dass meine geliebte Heimatstadt immer kosmopolitischer wird. Früher hat man sich auf Parties noch um den einen Franzosen gerissen, heute ist man schon der Star wenn man mehr als zwei Jahre hier wohnt. Immer weniger Gründe aus Berlin wegzugehen … eigentlich

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