„Wo kommst du eigentlich her?“ – „Baden-Württemberg. Baden. Südlich von Freiburg. Grenze zur Schweiz.“ – „Ach, vom Bodensee?!“ – „Nene. Weiter westlich. Bei Basel in der Schweiz. Also auf der anderen Seite der Grenze. Lörrach.“

So in etwa der übliche Dialog. Wenn ich Glück habe, kennt mein Gegenüber Lörrach. Sonst komm’ ich eben aus Basel. Oder Freiburg. Meinetwegen auch vom Bodensee. Aus der Distanz betrachtet verschwinden die Distanzen ja. Solange den Leuten klar wird, dass ich nicht aus Schwaben komme, soll’s mir recht sein! Und so prügle ich seit Jahren in Alle ein, dass ich aus Lörrach komme. Und auch wenn Vielen nicht so ganz klar ist, wo das sein soll, es hat sich durchgesetzt: „Achso, da wo der Jogi herkommt.“

Und jetzt kennen plötzlich alle Lörrach (siehe die einschlägigen online- oder Print-Medien). Schade eigentlich. Die Anonymität der unbestimmten Herkunft, das Schwammhafte hatte doch auch was für sich. Aber, Zeitenwenden treten ja immer dann ein, wenn man sie nicht erwartet. Ich sag nur Mauerfall. In Zukunft lautet die Antwort von daher: „Aus Grenzach. Das ist in der Nähe von Lörrach. Da wo der Amoklauf war, genau.“ Kennt ja jetzt Jeder. So wie Winnenden (da war er, der überfällige Vergleich). Der Jogi kommt nämlich auch nicht aus Lörrach. Der kommt aus Schönau. Und ich aus Grenzach.

„Seid ihr jetzt alle in Schockstarre?“ – „Nein, eigentlich nicht. Und ich denke auch die Lörracher nicht, soweit ich das beurteilen kann.“

Zwecks Überprüfung meiner leichtsinnig dahingeplapperten Aussage (soeben las ich im Buchladen meinen Spruch für das Jahr 2011, ich sag nur halte deine Zunge in Zaum) begab ich mich also auf Exkursion nach Lörrach. An den Ort des Geschehens. Ja, Mensch, wenn ich schon da bin. Katastrophen-Tourismus. – Ok, meine Mutter wollte sowieso ein paar Dinge „in der Stadt“ erledigen, da hat sich’s eben angeboten. Was ich nicht bedacht habe: Sie wollte natürlich am Morgen hin. Früh am Morgen. BEVOR DIE GESCHÄFTE GEÖFFNET HABEN! (An dieser Stelle ein kurzer Reminder an Alle: Ich bin kein Morgenmensch. NOT.)

Unser Korrespondent meldet: Schockstarre is nich. Das Leben in „der beschaulichen südbadischen Kleinstadt“ geht seinen normalen Gang, wie auch das auf dem Bahnhof-Vorplatz herumlungernde Kamerateam von N24 feststellen musste. Denke ich. Da sind wir natürlich mit kleinstädtischer Arroganz vorbeigeschlendert. Die müssen nicht meinen. Alles ruhig also. Die Stadt riecht nach Schokolade.

Langweilig. Die wirklich wichtigen Waffendiskussionen spielen sich sowieso anderswo ab, da wo die wirklich wichtigen, betroffenen, besorgten Menschen leben. Und deshalb haben wir uns einfach einen neuen Zwischenfall einfallen lassen. Bzw.: Wer hat’s erfunden? Genau: „Auf dem Chemieareal Schweizerhalle in Pratteln ist am Morgen Salzsäure und Essigsäure ausgetreten. Die Situation sei unter Kontrolle, erklärte die Polizei, für die Umwelt bestehe keine Gefahr.“ Schweizerhalle, das ist sozusagen auch hier. Gegenüber. Kennt man ebenfalls aus den Nachrichten, da war schon mal  die Hölle los: „Bekanntheit erlangte Schweizerhalle, als am 1. November 1986 ein Großbrand beim Chemiekonzern Sandoz entstand. Das große Feuer in der 1350 Tonnen Chemikalien enthaltenden Lagerhalle, der dicke Rauch, der Gestank und die unbekannte Zusammensetzung der Verbrennungsgase veranlassten die Behörden der Nachbargemeinden (u. a. Basel, u.a. GRENZACH, S.G.), die Bevölkerung frühmorgens mit allgemeinem Sirenenalarm zu alarmieren, auch wurde eine mehrstündige Ausgangssperre verhängt.“ Mittendrin statt nur dabei, ist ja mein Motto. Been there done that. Ich sag nur Tschernobyl-Jahrgang 1986. Chloracetylchlorid oder so ne kiki-Salz- und Essigsäure-Wolke, da können wir nur lachen.

Das St-Elisabethenkrankenhaus in Lörrach liegt übrigens in der Gretherstraße.

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One Response to “HERBSTferien in Grenzach – Tag 70: Von Schoko- und anderen Wolken”

  1. …ja, ja an 1986 und die Schweizerhalle erinnere ich mich gut. Damals war ich Studentin und lebte in Heidelberg. Mein Freund (der Begriff “Lebensabschnittsgefährte” war noch nicht erfunden) weckte mich mit den Worten: Du, ruf mal zu Hause an. Ich glaub, du bist Alleinerbe geworden.”
    In der Tat, wir Kleinstädter sind halt hart im Nehmen. Deshalb wandern wir ja auch gerne mal in die Großstadt aus.

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