ACHTUNG: Meinung.

 

Wenn man mit der Sbahn nach Osten fährt, fällt einem, Blick nach links, kurz hinterm Ostbahnhof folgende großflächig angebrachte Werbung ins Auge: Ostel – Das DDR-Design-Hostel. Der Name ist Programm. Das Hostel – neudeutsch für Jugendherberge – greift tief in die Ostalgie-Tasche und bietet seinen Gästen den zweifelhaften Komfort eines Hotel-Erlebnisses à la ehemalige DDR. Ein bisschen gruseln, ein bisschen wundern. – „So haben die damals also gelebt, da drüben, wie kann man nur.“ Ein zweifelhaftes Konzept wie ich finde. Sei dazu gesagt, dass ich selbst bisher keinen Blick hinter die Kulissen geworfen habe. Es handelt sich hier also um eine Einschätzung anhand oberflächlicher externer Eindrücke. (Als ich die Möglichkeit hatte meine diesbezüglichen Wissenslücken zu füllen, habe ich die Chance nicht wahrgenommen, shame on me.)

Ich will mich jetzt hier nicht in eine Diskussion einmischen, die zu führen ich aufgrund unvollkommener Information und großer Distanz, sowohl räumlich als auch zeitlich, nicht in der Lage bin  und die auch schon ihrem Ende entgegen gegangen ist – das vorneweg. Trotzdem. Meiner Meinung nach ist dieser ganze Ostalgie-Kram (und er hält ja an, auch wenn er nicht so wahnsinnig präsent ist wie noch vor ein paar Jahren, ich sag nur „Die DDR-Show“ auf RTL…) ein sehr heißes Pflaster. Und ich komme jetzt nicht mit dem Argument Diktatur-Verherrlichung und bla. Das ist was anderes. Das einzige Argument, das ich hier anbringen möchte, ist so eine Art Urwaldvölker-Phänomen.

I shall explain: Wer ist es, der Produkte, Möbel, und Alltagsgegenstände, deren Ursprung aus den Zeiten der DDR herrührt, als Kultobjekte seiner Retro-Coolness entdeckt hat? Ich möchte behaupten es sind drei Gruppen: 1. Touristen, 2. Westdeutsche, 3. Kinder von ehemaligen DDR-Bürgern.

Die erste Gruppe ist leicht abzuhandeln: Touristen sind generell von der Vorstellung fasziniert, dass hier in dieser Stadt einmal zwei Städte, zwei Systeme existiert haben, dass Geschichte in Berlin an jeder Ecke greifbar ist. Ihnen ist entweder nicht bewusst, dass es sich bei Einrichtungen wie dem Ostel um Inszenierungen handelt, oder sie betrachten diese als eine Art Disneyland – The German Version. (Überspitzungen sind Meinung der Verfasserin.)

Die zweite und die dritte Gruppe teilen in meinen Augen ein Merkmal, das, wie gesagt, auch auf mich zutrifft: Die Distanz zum Geschehen. Ob es sich hierbei um eine räumliche (2.) oder zeitliche (3.) handelt, sei dabei außen vorgelassen. Beide Gruppen haben keine persönlichen Erfahrungen an ein Leben in diesem Land DDR. Sie zehren von Erzählungen anderer. Materielle Überreste gelten hierbei als Illustration einer Erzählung, sei sie, wie im Fall der Westdeutschen, über das Land hinter der Mauer, in dem zwar Deutsche lebten, aber halt irgendwie andere Deutsche, sei es, wie bei den nach Mitte der 1980er Geborenen, der Schatten einer Kindheitserinnerung vermischt mit den Erzählungen aus der glorreichen Jugend der eigenen Eltern. (Denn – so kann man den einschlägigen Feuilletons und Meinungsmachern entnehmen – unsere Generation hat keinerlei Abgrenzungskämpfe gegenüber der Elterngeneration zu führen und hört daher gerne deren Heldengeschichten etc. pp..)

Wieso stört mich das? Natürlich könnte man an dieser Stelle nochmals das Argument anbringen, dass es sich um gefährliches Halbwissen handelt. Ja. Richtig. Aber. Dass es uns jetzt Allen besser geht, seitdem wir wiedervereinigt sind, das wissen wir ja nun zu genüge. WIE das Leben vor 1989 in den beiden Deutschland war, da klafft dagegen eine große Lücke. Ich will mir nicht anmaßen für die Älteren zu sprechen, die noch die Möglichkeit hatten die DDR als real existierenden Staat zu erleben, ich spreche jetzt für meine Altersgenossen: Wie soll die Generation, die im vereinigten Deutschland aufgewachsen ist, für die ein Europa ohne Grenzen den Normalfall darstellt, Verständnis dafür entwickeln, dass es einst zwei Leben im heutigen Deutschland gab? Abstrakt wissen wir das natürlich. Aber das Wissen um das Um ist mit dem Wissen um das Wie nicht vergleichbar. – Ein Prinzip nach dem es ja auch immer wieder vorkommt, dass Menschen die gleichen Fehler machen, aus denen andere schon gelernt haben. In erster Linie lernen wir daher NATÜRLICH von unseren Eltern. Also erfahren wir subjektiv. Seien es nun besagte Erzählungen aus längst vergangenen Jugendtagen, die verständlicherweise in bunten Farben erstrahlen, sei es die Faszination für die andere Seite der Mauer – diese Erzählungen können nur subjektiv sein.

Ob das jetzt so rüberkommt, wie ich das gerne hätte, weiß ich nicht, was ich sagen möchte, um es auf den Punkt zu bringen: Ostalgie in meiner Generation, deren Ausdruck ich im „Ostel“ sehe, rührt in erster Linie aus Faszination für ein Leben, wie wir es nicht selbst kennen, und liegt in derselben Schublade wie die Cafés im Prenzlauer Berg, in denen unsere Omas ihre Wohnzimmermöbel wiederfinden würden und die Begeisterung für Mad Men.  – Und beides finde ich prima.

Aber, und hier ist es, das große ABER: Im Gegensatz zu den 1950ern (Cafés) oder 1960ern (Mad Men), liegt die Zeit der DDR eben erst 20 Jahre zurück und diese Zeit ist im Leben der meisten Menschen noch mehr als präsent und beeinflusst sie/uns bis heute. Wer sich mit dem schaurigwohlen Gefühl des „so haben die also gelebt“ in ein Bett legt, das vorgibt den Geist der untergegangenen DDR aufzufangen und weiter zu tragen, macht sich damit in meinen Augen über das Leben derjenigen Menschen lustig, für die ein solches Bett weiterhin Realität ist.

Und deshalb Urwaldvölker-Phänomen: Faszination für andere Lebensformen ist immer dann negativ, wenn sie sich mit einem Habitus des kulturell Höherstehenden der Kultur dieses Lebens annimmt. Dass man die andere Kultur zwar an sich wertschätzt, allerdings mit dem Gedanken, dass man selbst ja wisse, wie es besser gehe, wie man besser lebe und dass auch die noch (!) so Lebenden das eines Tages erkennen werden. So wie Kolonialismus.

 

Achja: Ich war dieses Wochenende in Wartin in der Uckermark und habe in einem Bett geschlafen, das tatsächlich aus der Zeit vor 1989 stammt, in einem Zimmer, das in diesem Stil durchkomponiert war. – Aber nicht, weil die Zielgruppe der Unterkunft hippe Ostalgie-Jünger wären, sondern weil man hier eben nicht zu IKEA fährt und ein neues Bett kauft, wenn das alte noch gut ist, und nicht weil man sich überlegt hat es wäre doch ein guter Gag ein ganzes Hotel so einzurichten, als befände man sich in der DDR, sondern weil in diesem Haus bis letztes Jahr Menschen lebten, die sich hier über Jahrzehnte in einem Leben eingerichtet haben, das ihnen keine anderen Möglichkeiten gab bzw. mit all den Möglichkeiten, die ihnen zur Verfügung standen das nach ihrem Geschmack Beste aus ihrem Haus gemacht haben.  (Ich will hier echt nicht die Moralkeule schwingen, aber es is doch so.)

Und das Absurdeste daran ist doch der Gedanke, für den mir Claudia den Anstoß gab: Würde man den Tisch / die Kommode / den Lampenschirm auf dem Mauerpark kaufen wollen, müsste man ein kleines Vermögen dafür hinblättern, die jetzigen Besitzer würden sich an den Kopf fassen, das Geld nehmen und dann zu IKEA fahren und sich für ein Viertel des Geldes einen neuen Tisch kaufen. Evrostandard eben.

 

Schmetterlinge saßen da überall an den Wänden, daher.

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