Nov 032010

In der U6

Der UBahnhof Friedrichstraße ist nun wirklich nicht für seine Weitläufigkeit und Benutzerfreundlichkeit bekannt, war er vermutlich auch noch nie. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie das war, als noch nicht alle 3 Minuten (im besten Fall) ein Zug kam. – Andererseits war dann ja auch Kalter Krieg und garnix los. Also keine historischen Abschweifungen, bleiben wir beim Hier und Jetzt.

Von den blinkenden Wall-Werbe-Bildschirmen geblendet biege ich um die Ecke und – oh Graus – aus beiden Richtungen scheint gerade eine Bahn eingefahren zu sein. Man sieht die Züge. Man sieht aber auch die Menschen. Und die Menschen scheinen alle nur die Treppe zu sehen. Die ich nicht sehe. Ich will aber nach Stadtmitte, sprich die Treppe runter, sprich in den Zug aus dem alle Anderen rauswollen. Es beginnt der Kampf gegen die ausströmenden Massen. Und wie einst Mose das Rote Meer, teile ich die mir entgegen brandenden Massen. Das erfordert völlige Konzentration (Steh mir nicht auf den Fuß! Wo ist meine Tasche?) und es kann noch nichtmal die übliche schlechte Laune, liebevoll Menschenhass genannt, aufkommen.

Und dann rammt sich etwas in meinen Rücken. Da hat einer Angst, die Fluten schließen sich wieder, bevor er durchkam, kann ich noch denken, dann übernimmt mein Mund die Kontrolle: „He, langsam, ich will auch in den Zug, keine Panik!“ – Da hat er nur gegrinst. Und reingekommen sind wir beide.

In der U5

Schillingstraße oder Straußberger Platz ist er eingestiegen. Etwa 19 – sag ich jetzt mal, ich bin nicht so gut im Schätzen von Alter. Dafür spricht: Sein schlacksiger Gang. Die Buttons (5) an seinem Rucksack. Das aufgenähte Band-Logo – irgendeine obskure Metal-Band. Die Schuhe: Riesig. Turnschuhe, die Art von pseudo-Skaterschuhe, weiß/rot, früher haben die Jungs da Socken oder Schwämme hinter die Zunge „gestopft“. Und die Frisur. Früher (oje, da ist es das eigene Altern) hätte er wohl lange Fransen gehabt, seinem sonstigen Outfit und, wie gesagt, dem Aufnäher zufolge. Metal halt. Aber das hat sich geändert. Die Grenzen zwischen den Jugendkulturen verschwimmen offenbar, der junge Mann / große Junge trägt einen klassischen Emo-Haarschnitt (meine Einschätzung). Zac-Efron-Schnitt, schwarzes Deckhaar, darunter, am Vorderkopf hellblonde Blocksträhnen.

Er sitzt mir da also gegenüber und irgendwie scheint er sich in seiner Haut nicht wohl zu fühlen. Dabei ist die UBahn gar nicht voll, niemand muss stehen und auch auf den Bänken ist genug Platz. 14/15 Uhr, da sind die Schulkinder zuhause und Feierabend ist noch lange nicht in Sicht. Irgendwie hampelt er, er rutscht hin und her. Achtung, Vorurteil: Der hat bestimmt ADS.

In diverse Schubladen hab ich ihn sowieso schon gesteckt. Auf den allerersten Blick, siehe die Beschreibung zu Beginn. Ausnahmsweise habe ich nichts zu lesen dabei und mein iPod ist auch nicht geladen, alle Energie konzentriert sich also auf die Beobachtung meiner Mitreisenden. (Ob er sich vielleicht beobachtet fühlt? Ich schaue weg und woanders hin.)

Weberwiese. Und immer noch sitzt er da und irgendetwas wirkt einfach unruhig an diesem Typ. Er zappelt nicht mehr, jetzt sind es die Hände. – Er faltet Origami.

Samariterstraße, ich steige aus, der Emo-Metaller nicht, der kleine Kolibri in seiner Hand flattert – ganz untypisch – nicht mehr.

Be Sociable, Share!

Leave a Reply

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

(required)

(required)