So, jetzt also Heiligabend. Ein Abend allerwichtigster Traditionen – und ich spreche hier nicht von kirchlichen Riten oder familiären Gepflogenheiten. Ich spreche von der Afterhour Grenzach-Wyhlens.

Zu den beiden erstgenannten: 17 Uhr, der liebevoll „Heidenkirche“ genannte Gottesdienst war gewohnt voll besetzt und trotz einiger eklatanter Mängel (Lieder nicht angeschlagen, stockend vorgelesene Weihnachtsgeschichte, die doch eh jeder auswendig kann, hallo?!) gingen am Ende alle fröhlich nach Hause, einen warmen Händedruck vom Pfarrer hinter sich, in der Hand ein Friedenslicht und in Gedanken schon am Esstisch. Und ein Jeder ging, dass er gesättigt werde. Und so begab es sich also, dass sich auch Sandra auf machte und wieder an den heimischen Futtertrog zurück kehrte.

Dann: Geschenke. Das Quängelkind (Ich) muss immer vor dem Essen Bescherung haben, sonst kann es nicht ruhig sitzen. Meine Familie hat sich an meine diversen Zwänge und Eskapaden hinsichtlich familiärer Festtagsabläufe längst gewöhnt und sie lassen mir meinen Willen. Musssagen, gute Ausbeute.

Zu essen gab’s NATÜRLICH Fleischfondue, jammijammi. Stundenlang Fleisch vor Ort zubereiten und mit Unmengen von Baguette und Soßen zu sich nehmen (Gemüse für Andere…), da wird der Höhlenmensch in einem wach. Fleisch. Unmengen von Fleisch. Kurzer Einschub: Vor einigen Wochen musste ich zu meinem Entsetzen feststellen, dass verschiedene meiner Berliner Freunde nicht nur noch nie Fleischfondue gegessen haben, sondern sich darunter noch nicht mal etwas vorstellen können! Ja, ihr seid zurecht ähnlich schockiert. Meine kurze Nachhilfestunde musste leider vorerst auf rein theoretischer Basis verharren, dies bietet mir jedoch die unschätzbare Chance auch abseits des einmalimjahrigen Fondueessens einen weiteren Schmaus zu veranstalten.

Trotzdem warf dies die Frage der regionalen Verwurzelung des Fleischfondueessens auf, der ich natürlich pflichtbewusst nachgegangen bin: Eine repräsentative Umfrage im Freundeskreis (GW) ergab, dass in mindestens 50% der Fälle – Dunkelziffern liegen vermutlich weit höher – an Weihnachten Fleischfondue auf den Tisch kommt. Und andernorts hat man noch nicht einmal davon gehört? Incroyable! Gehört Fleischfondue also in eine Schublade mit köstlichen Heimatgerichten wie Öpfelwaie und Schüfeli? Am Anfang war natürlich das Käsfondue (würg). Doch, wie der Haus- und Hof-Informationslieferant Wikipedia erklärt: „Mittlerweile wird der Begriff allgemein für Gerichte verwendet, die auf dem Konzept des Tunkens von Lebensmittelbrocken in erhitzte Flüssigkeiten basieren.“ Und: „Ein wichtiger Aspekt des Fondue-Essens ist das gesellige Zusammensein bei der Vorbereitung des Gerichtes, beim Verzehr und auch beim anschließenden gemeinsamen Zusammenräumen. Wichtige Faktoren sind die Einfachheit des Mahls und das Kochen mit offenem Feuer.“ Wooha, Feuer. Diesen Aspekt zu betonen hat auch meine Mutter nicht gesäumt, Zitat: S’gitt numme Fondue, damit d’Sa nit gli wieder uffstoht. – Mir soll’s recht sein.

Man kennt’s, irgendwann ist der familiäre Teil des Heiligabends dann an seinem Ende angekommen, die Stimmung hat den Zenit überschritten und was dann? Streiten? Nene, dann beginnt der wahre Heiligabend. Ganz Grenzach-Wyhlen, i.e. der Teil der Bevölkerung zwischen ich sag mal so 16 und 30 (nach oben offen) trifft sich im Bahnhöfli. Die vibrierende Clubszene Grenzach-Wyhlens konzentriert sich auf einen Hotspot, die ehemalige Bahnhofswirtschaft, heute liebevoll „der Hof“ oder eben (Bahn)Höfli genannt. Schon zu Schulzeiten seit Generationen Anlaufpunkt für abendliches Bietrinken erwirtschaftet Eckos, der ortsbekannte Wirt (Stoff-Karottenhosen mit Paisleymuster, Vokuhila, mysteriöse Drogenvergangenheit) an Weihnachten vermutlich um die 75% seines Jahresverdiensts.

Jedes Jahr gibt es eine Hand voll auswärtiger Gäste, die das Phänomen „Heiligabend im Höfli“ erleben dürfen. Ohne jetzt hier in detailreiche exzessive Beschreibungen auszuarten, sollen den Ortsunkundigen hier einige liebevolle Details präsentiert werden, damit sie für solche Fälle vorbereitet sein mögen (alle Anderen wissen ja eh, wie’s läuft):

1. Da im Gegensatz zu Berlin hier noch Sperrstunde herrscht (ein absurdes Konzept, das ich völlig verdrängt hatte) sind die Veranstaltungen an Heiligabend und den angrenzenden Tagen natürlich geschlossene Gesellschaften, praktischerweise hebt dies auch das Rauchverbot auf.

2. Die wichtigste zu beachtende Regel lautet: Trinke nicht aus Gläsern!

3. Auffällig häufigster die Theke wechselnder Schein ist der gefaltete 50er, frisch dem Umschlag/Buch/Omas Geldbeutel/anderem Behältnis entnommen.

4. Jeder kennt Jeden! – Sowie seine vergangenen Eskapaden, gegenwärtigen Beschäftigungen und zukünftigen Pläne. Und sei es nur, dass die Mutter eines meiner Klassenkameraden am selben Tag morgens meine Schwester beim Neukauf getroffen hat und ihr erzählt hat, dass ihr Sohn ja jetzt überlege, was er nach dem Studium mache

5. Daraus folgt aber auch: Nichts wird vergessen. Man kann sich schließlich nicht endlos über vergangene Zeiten unterhalten – ok man kann – sondern viel wichtiger ist es, ausführlich zu erörtern, wer dick geworden ist, wer ne neue Frisur hat, wer mit wem wann wo was wie und warum gemacht hat und vor allem wer nicht da war und wieso. Und so haben wir, wenn wir uns am Sonntag dann alle wieder treffen, zur mittlerweile auch fast schon traditionellen 26.12.-Party, genug Gesprächsstoff von Heiligabend angesammelt. In bekannter Weise möchte ich daher erneut ein Bonmot adaptieren: Man kann uns aus GW rausbringen, aber man bringt GW nicht aus uns raus.

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3 Responses to “Heiligabend”

  1. Liebe Sandra, diesen liebe ich! Mit Ausrufezeichen! Schöni Weihnacht!

  2. Ich fand übrigens die erste Version besser…
    aber die kursive Schrift lässt darauf schliessen, dass sich gewisse Leute beschwert haben

  3. […] hatte, war es Zeit sich dem dörflichen Abendprogramm zuzuwenden. Ich berichtete bereits an Weihnachten über den In-Club, in dem sich solcherlei abspielt: Das Höfli. So führten meine Schritte und die […]

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