Da schreibst du doch wieder ne Geschichte drüber, oder, hat er gesagt. Es wird sicher noch viel passieren, hat er gesagt.

Und obwohl ich bereits in der Vergangenheit einige jetzt schon moderne Klassiker der Zugliteratur verfasst habe (wir erinnern uns: Eiskalt gestalkt! Dorfgeschichten und Zugbegleiter.), denen kaum noch etwas hinzuzufügen gewesen wäre, war, wie Daniel mir eben verkündete, auf eines tatsächlich Verlass, nämlich dass auf die Deutsche Bahn kein Verlass ist. Und Voila lieber Flo, falls du schon vergessen haben solltest, was wir heute so erlebt haben, hier kommt sie: Eine Bahnfahrt in Durchsagen.

Alles begann damit, dass man mir online keine Reservierung mehr verkaufen wollte. Hätte ich misstrauisch sein sollen? Oh ja. War ich es? Natürlich nicht. Denn obwohl ich bereits seit vielen vielen vielen vielen Jahren ungefähr ständig mit dem Zug quer durch unser schönes Land reise, habe ich mir eine große Portion an Reiseoptimismus und positiver Einstellung gegenüber der Bahn bewahrt. WARUM UM GOTTESWILLEN fragt ihr euch? Tja, wir an einem Mittwoch geborenen Glückskinder stehen zugfahrtechnisch unter einem besonderen Glücksstern und so habe ich mit Ausnahme stinkender, schnarchender oder schreiender Mitfahrer bisher wenig Negatives erlebt, das sich nicht in die Kategorie „Unterhaltsames für Zwischendurch“ hätte einordnen lassen. All die Horrorstories, die man immer so hört, habe ich mit einer lässigen Handbewegung abgetan. Das konnte mir nicht passieren. Ich kenne schließlich die Dos und Donts des Bahnreisens. Einen alten Hasen wie mich kriegen die so schnell nicht. – Diese seligen Zeiten sind mit dem heutigen Tag Geschichte.

 

1. Durchsage, Basel Badischer Bahnhof, 10.19 Uhr, 3 Minuten vor Abfahrt: „Meine Damen und Herren auf Gleis 4, ICE 276 nach Berlin Ostbahnhof verkehrt heute in umgekehrter Wagenfolge. Die Wagen der Ersten Klasse befinden sich in den Abschnitten E und F.“ – Hey, ich hatte ja eh keine Reservierung, so what. Auftritt Florian K. mit dem Hinweis es doch bei den bahn comfort-Plätzen zu versuchen, der gerne und erfolgreich angenommen wurde.

2. Durchsage, Offenburg, ca. 11.32 Uhr, 2 Minuten nach fahrplanmäßiger Abfahrt: „Meine Damen und Herren aufgrund eines kleineren technischen Defekts verzögert sich unsere Weiterfahrt um einige Minuten, wir bitten um Ihr Verständnis.“ – Klar, könnt ihr haben, ich sitze ja. Der dicke eklige Alte nicht und daher wird er hektisch und muss da jetzt unbedingt durch, da wo schon 3 andere Menschen im Gang stehen, mit Koffern und hinter ihnen noch ca. 100 andere, aber er muss da jetzt durch, jetzt macht doch mal Platz da, rückt doch einfach ein bisschen zur Seite oder geht weiter, er muss da jetzt durch.

3. Durchsage, Offenburg, ca. 12.37, 1 Stunde, 7 Minuten nach fahrplanmäßiger Abfahrt: „Meine Damen und Herren, aufgrund eines Triebwerkschadens kann unsere Fahrt vorerst nicht fortgesetzt werden, wir bitten alle Passagiere, die den Zug verlassen möchten, sich zu Wagen 14 zu begeben und die dort geöffnete Tür zu benutzen.“ – Will ich aussteigen? Ich glaube NEIN. Einige Andere möchten dies allerdings tun und so beginnt die Völkerwanderung an mir vorbei. Apropos, wir sitzen in Wagen 7, direkt am Restaurant, vor uns die gesamte 2. Klasse, hinter uns irgendwo Wagen 14. Mag ich es gestreift, gedrückt oder generell von Fremden angefasst zu werden? Auch hier ein klares NEIN. Der dicke eklige Alte kommt zurück, denn jetzt muss er in die andere Richtung, wieso kann man ihm keinen Platz machen, er muss da doch jetzt durch, warum gehen denn alle nach hinten, wenn er nach vorne muss, macht doch mal Platz da. Und Bescheid weiß er auch: „Das geht hier übrigens jetzt nicht mehr weiter, es müssen alle aussteigen.“

3. Durchsage, Offenburg, ca. 12.51 Uhr, 1 Stunde, 21 Minuten nach fahrplanmäßiger Abfahrt: „Meine Damen und Herren dieser Zug fährt nun leider doch nicht weiter, wir möchten daher alle Passagiere bitten sich geordnet zu Wagen 14 zu begeben und den Zug dort zu verlassen.“ – So long Sitzplatz, hi there kalter Bahnsteig.

Ich spule einige Stunden vorwärts. Was unterdessen geschah: Der Zug um 11.30 Uhr hatte nun also einen Triebwerksschaden. Den Zug um 12.30 Uhr hatten wir passieren lassen. Der Zug um 13.30 Uhr fiel „heute zwischen Bern und Frankfurt aus“. Wir wurden angewiesen den EC nach Hamburg Altona, der außerplanmäßig um 13.35 Uhr in Offenburg hielt, bis Mannheim zu nehmen und uns dort auf die weiteren Züge zu verteilen. Ein schneller Anruf zuhause hatte die Aussichtslosigkeit einer anderen Verbindung bestätigt und wir stiegen also ein. Mit uns all die anderen Menschen aus dem bereits überfüllten ICE. Wir folgten alle brav den Anweisungen des Lautsprechers. Der würde schon wissen, was er tat. Ähä.

4. Durchsage, irgendwo vor Karlsruhe, ca. 14.10 Uhr: „Meine Damen und Herren, unser Zug ist überfüllt. Ich möchte an Ihr Gewissen appellieren, dass Alle, deren Fahrtziel Frankfurt am Main oder darüber hinaus ist, den Zug in Karlsruhe verlassen und auf Alternativen ausweichen.“ – Allie, die Australierin, die sich mit mir den spärlichen Platz im Gang teilte, musste mir erst mit dem englischen Wort für Gewissen aushelfen (conscience, wann braucht man das denn schon?) um sich dann mit dem Rest des Zuges schlapp lachen zu können. Blöd auch, ne, wenn man einen vollen Zug in einen anderen vollen Zug umleitet, dann hat man einen doppelt vollen Zug, nicht mitgedacht, wie? – Natürlich sind wir in Karlsruhe nicht ausgestiegen, das hätte ja ein weiteres Mal Umsteigen bedeutet, Bequemlichkeit (angesichts der Umstände kann hier nur von rein sinnbildlicher Bequemlichkeit als rhetorischem Mittel die Rede sein) ging vor.

5. Durchsage, Mannheim, 15.32 Uhr, 2 Minuten nach fahrplanmäßiger Abfahrt: „Meine Damen und Herren an Gleis 2, der ICE 596 aus München, zur Weiterfahrt nach Berlin Ostbahnhof, fährt heute außerplanmäßig von Gleis 3.“ – Es schlug meine Stunde. Dank gewohnter Geistesgegenwart stand ich nicht nur in der ersten Reihe, sondern berechnenderweise auch genau vor der sich nur Sekunden nach dieser Durchsage öffnenden Tür. Raus die Leute, rein die Sandra, zwei Plätze bahn comfort (soll niemand sagen ich sei nicht lernfähig), Berlin wir kommen sitzend!

6. Durchsage, Göttingen, ca. 18 Uhr (ich habe geschlafen und den Blick auf die Uhr vergessen, aber auf jeden Fall mindestens eine halbe Stunde nach fahrplanmäßiger Abfahrt): „Meine Damen und Herren wir sind überfüllt. Wir möchten Sie bitten auf den Zug via Wolfsburg, der in wenigen Minuten vom Nachbarbahnsteig abfahren wird, umzusteigen.“ – Aber ganz sicher nicht! Selbst wenn ich nicht gesessen hätte. Selbst wenn es nicht der durchgängigen Zug nach Berlin Ostbahnhof gewesen wäre. Selbst im Sommer. – Ich wäre auch dann nicht umgestiegen in einen möglicherweise bald auf dem Nachbarbahnsteig ankommenden und vielleicht ohne Verspätung abfahrenden, eventuell nicht überfüllten Zug. Ich glaube die wollten uns verarschen, oder?!

7. Durchsage, Berlin Hauptbahnhof, 21.17 Uhr, ca. 1 Stunde nach fahrplanmäßiger Ankunft: „Meine Damen und Herren, in Berlin Hauptbahnhof haben Sie Anschluss an die folgenden Züge….“ – Einen Zug nach Greifswald gibt’s in Berlin nach halb acht Uhr abends nicht mehr, ich habe gehört Flo hat von der Bahn ein Taxi ab Angermünde bezahlt bekommen. Ich habe mir ein solches dann vom Ostbahnhof selbst gegönnt, das muss man sich selbst auch mal wert sein, wenn man den ganzen Tag so geschuftet hat! Und am Montag werde ich dann als erstes mein Fahrgastrechteformular ausfüllen und mir die 50% der 64.50€ (könnt ihr selber rechnen, einfach die Hälfte) zurück holen. 4 Stunden sind ja eindeutig mehr als 120 Minuten, oder?!

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