Blauer Himmel, Sonnenschein, Berlin strömt nach draußen, da dachte ich mir: Auf zum Bürgeramt. Jaja, ich weiß, man sollte sich innerhalb von zwei Wochen ummelden, aber es kam halt immer irgendwas dazwischen. Besser spät als nie.

In der einen Hand meinen Mietvertrag, in der anderen meinen Perso, in der dritten ein Buch und eine Flasche Wasser – ich war auf alle Eventualitäten vorbereitet, als ich die Frankfurter Allee überquerte. Immerhin liegt das Bürgeramt 3 von Friedrichshain-Kreuzberg nur gefühlte 10m von meiner Haustür entfernt. Aber natürlich kommt’s erstens immer anders und zweitens als man denkt (Copyright Miriam S.): Überraschung – das Netzwerk-Computer-Software-System des gesamten Bezirkes ist ausgerechnet heute zusammen gebrochen. Ein Schelm wer diesen Zusammenbruch mit dem guten Wetter in Verbindung bringt!

Die freundlichen Wach-Damen vor der Tür des Bürgeramtes verwiesen mich dann nach kurzer Diskussion an das Bürgeramt 2 von Lichtenberg. „Direkt hinter dem Ring-Center. Diese Baracke auf der rechten Seite.“ – So lautete die vertrauenerweckende Auskunft. Kurzes Hadern, kurzes Zögern, soll ich da wirklich hin, will ich da wirklich hin? Aber in Anbetracht der nur zu wahrscheinlichen Möglichkeit, dass ich diesen lästigen Verwaltungsakt um weitere Wochen hinauszögern würde, siegte schließlich die Vernunft über die Bequemlichkeit und ich machte mich auf den Weg nach Lichtenberg. Ok, übertrieben, die Möllendorffstraße bildet ja sozusagen die Grenze zwischen den Bezirken. Trotzdem war ich wie stets, wenn ich das heimische Friedrichshain gen Osten verlasse auf der Hut, man weiß schließlich nie, was da so lauert und einen fressen will. Kaum hatte ich die Tramschienen der M13 überquert überkam mich auch sofort das Gefühl, dass hier alle Menschen so anders aussehen. Einbildung sagt ihr? Überheblichkeit? Ach ja? Wer von euch war denn schon mal im Bürgeramt 2 in Lichtenberg und kann mir das Gegenteil beweisen?!

Es handelte sich tatsächlich um eine Baracke mit mehr als ausgesprochen improvisiertem Charakter, die solcherarten vermutlich schon seit 20 Jahren ihren Dienst verrichtet. Aber – modernste Ausstattung: Ein mit Touchscreen versehener Automat zum Nummerziehen! An eben diesem Gerät scheiterte der freundliche junge Mann, den das Schicksal vor mir in der Warteschlange platziert hatte (ca. 68 Jahre alt, Lederjacke, Bauch, gesprächig). Nachdem ihm die wirklich äußert freundliche Frau (keine Ironie!) am Informationsschalter erklärt hatte, dass seine Fotos nun wirklich nicht den biometrischen Vorgaben entsprächen und dass er sich genau gegenüber neue machen könne, die Wartezeit betrage sowieso eine knappe Stunde (…), er könne sich ja schon mal eine Nummer ziehen, trat unser Held zornentbrannt an den Touchscreen, keifte das Gerät an und schlug mehrfach wütend mit der flachen Hand darauf ein. Rein intuitiv wäre es vermutlich einfacher gewesen einfach auf die Schaltfläche „Ticket“ zu drücken, aber es ist nicht jeder im Informationszeitalter aufgewachsen, nicht wahr?!

Die nächste in der Reihe war ja nun ich und obwohl mir die Handhabung eines solchen Touchscreens durchaus geläufig ist, überkamen mich Schwierigkeiten: Wollte ich dieses Bildschirm, den nicht nur mein charmanter Vorgänger, sondern mindestens auch all die anderen 27 (!) vor mir Wartenden heute schon angefasst hatten, wirklich berühren? Die Frage erübrigt sich, natürlich NICHT. Als Nummer 56 stand mir – laut Bildschirm – eine Wartezeit von 54 Minuten bevor. Mir war und ist nicht ganz klar, wie sich diese Zeit errechnet hat, aber ich hätte mich per SMS informieren lassen können, 10 Minuten bevor ich dran gekommen wäre. Was es heutzutage nicht alles gibt!

54 Minuten (oder vielleicht auch etwas mehr, sagen wir eine knappe Stunde) lang, war ich dann den allgemeinen Wartezimmerbegebenheiten ausgesetzt. Nicht nur dass der Anteil der Hustenden auch leicht den Eindruck erweckte es handle sich um das Wartezimmer einer Arztpraxis, immer wieder erstaunlich wie wenig Gespür Menschen für angemessenes Verhalten in solchen Extremsituationen entwickeln. Beispielhaft reihe ich eine Anzahl von Verhaltensweisen aneinander, die nicht hätten sein müssen: Frau A, die allen anderen Wartenden mitteilte, dass sie ja einen Termin habe und nicht verstehen könne, wieso sie warten müsse. Herr B (mein Warteschlangen-Freund), der weiterhin seinen Unmut über das nicht bedienbare Gerät zum Nummerziehen lautstark loswerden musste – ja, es interessiert Jeden. Frau C die neben mir saß und die ganze Zeit mit ihren Beinen wackeln musste, also so extrem, so hin und her und vor und zurück, die ganze Zeit, wirklich hin und her und her und hin. Frau D und Frau E die sich in einer asiatischen Sprache, derer ich nicht mächtig bin, ungeniert lautstark unterhielten, denn sie saßen ja auf gegenüberliegenden Seiten des Raumes und es sprach ja eh niemand ihre Sprache, also kann sie auch keiner hören, ist doch so. Herr F, der unbedingt wichtige Termine am Telefon klären musste aber natürlich nicht rausgehen konnte, denn dann hätte ja niemand seine Wichtigkeit bemerkt. Herr G und Frau H, die den Raum betraten, einmal in die Runde sahen, vorwurfsvolle Blicke warfen und sich dann verbal einig waren, dass das ja unmöglich sei hier, da würden sie ja draußen warten, also wirklich. Da sag ich nur: Dann geht doch, will euch keiner. Hab ich nicht gesagt. Wäre aber mal interessant gewesen, ob ein solcher Ausbruch vielleicht einen kleinen Massenaufstand verursacht hätte, die Stimmung war auf jeden Fall gereizt genug.

Dass aber auch niemand Rücksicht darauf genommen hat, dass ich, meinem sozialen Status und Intellekt entsprechend gerade jetzt und hier in der Situation in absoluter Ruhe mein Hannah Arnedt-Buch zuende lesen musste!

Das Ende der Geschichte ist schnell erzählt: Nachdem ich reumütig gestanden habe, den Zeitraum von zwei Wochen bei weitem überschritten zu haben, händigte mir die Dame hinter dem Schreibtisch mehrere Formulare aus. Ich zückte den zu diesem Zweck (Achtung: Autistisches Freakverhalten!) extra mitgebrachten Kugelschreiber – durch zweckmäßige Vorbereitung kann man übermäßigem Kontakt mit Dingen, die viele andere Menschen schon angefasst haben durchaus umgehen – und unterzeichnete nicht nur meine Anmeldung an der neuen Adresse, sondern ich habe auch alle meine Daten, Persönlichkeitsrechte, meine Seele und vermutlich auch meine ersten drei Erstgeborenen verkauft. Nehmt! Ich habe genug! Dafür besitze jetzt einen neuen Adress-Aufkleber auf meinem Perso, abgestempelt in Lichtenberg!!! Na toll.

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