Heute spreche ich in meiner nebenberuflichen Funktion als museumspädagogischer Experte zu euch. Wir waren heute in zwei Museen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten.
Zum einen das Terror Haza, zum anderen das Holocaust Memorial Center. Ein paar fröhliche Fakten vorneweg, bevor wir zum spaßigen Teil kommen: Das Terror Haza (House of Terror) wurde 2002 eröffnet und von der Regierung finanziert. Das Holocaust Memorial Center (Holocaust Museum) wurde 2005 eröffnet und wird ebenfalls von der Regierung finanziert. Warum dies so wichtig ist? Weil man es nicht glauben mag.

(Gedenken an Opfer. Wessen Opfer bleibt offen.)

Beide Museen sind mit viel Aufwand erstellt worden und zeigen wirklich gute Exponate, die man gerne ansieht. – Da hören die Gemeinsamkeiten aber leider schon auf. Ich möchte jetzt nicht auf die Führungen eingehen, die wir in beiden Museen hatten, das ist der menschliche Faktor, das ist ein anderes Thema.

Der entscheidende Unterschied zwischen beiden Einrichtungen ist der äprowtsch (approach). Während das Holocaust Memorial Center die Geschichte der ungarischen Juden und ihrer Verfolgung, Deportation und Ermordung darstellt, konzentriert sich das Terror Haza auf das Unrecht, das dem ungarischen Volk durch die Gewaltherrschaft von Nationalsozialismus und Kommunismus angetan wurde.

Zwar waren wir zuerst im Terrorhaus und dann im Holocaust-Museum, ich möchte allerdings umgekehrt beschreiben: Das Holocaust Museum macht in meinen bescheidenen Augen alles richtig. Exponate werden gut zugänglich präsentiert, die Räume sind nicht überfrachtet, man findet überall zweisprachige (!) Erläuterungen, Medien werden dann eingesetzt, wenn sie Sinn ergeben. Aber, und hier muss nun ein kleiner, für viele Leser vermutlich langweiliger, Exkurs folgen, das wichtigste ist, dass die gezeigten Quellen (Plakate, Veröffentlichungen, Gegenstände, Fotos, Videos) exakt beschrieben sind, ihre Herkunft wird deutlich gemacht.

(Wunderschöne renovierte Synagoge am Ende des Rundgangs im Holocaust Memorial Center.)

Wieso ich so darauf rumhacke? Nun, in den letzten Tagen ist hier schon so was wie eine Gruppenidentität entstanden, besonders in meinem Teil der deutschen Delegation (es gibt durchaus eine innerdeutsche Spaltung). Diese Identität zeichnet sich nicht nur (wir berichteten) durch eine Klassenfahrtatmosphäre und eine mehr als fragwürdige Sprachwahl aus, es haben sich auch bereits dominierende Themen durchgesetzt.

Eines davon ist – und jetzt fragt mich bitte nicht wieso – die Aussage unseres geschätzten Professors Michael Wildt, dass man bei Fotoquellen stets zu fragen habe, von wem diese Bilder gemacht worden seien und mit welchem Zweck. Bzw. in unserer gemeinsamen Sprache: „Es handelt sich hier um eine Täterperspektive!“ – Und genau dies beachtet das Holocaust Memorial Center. UND DAS TERROR HAZA nicht.

(Man darf keine Fotos machen. Aber wenns keiner merkt… Dies ist eine Wand aus Plastikquadern, die Fettquader darstellen.)

Ich krieg schon wieder Zustände, wenn ich an dieses, Zitat Isabella „Disneyland“ des Terrors denke. Nicht nur, dass da willkürlich und bei vollem Bewusstsein ungarische Pfeilkreuzler, deutsche Nazis, deutsche und sowjetische Besatzung und sowjetische Herrschaft nach 1945 miteinander kreuz und quer vermischt werden, es wird vor allem nicht deutlich gemacht. Willkürlich wird der Besucher zwischen den verschiedenen bösen Menschen hin und her gesprungen, die dem ungarischen Volk ein Leids angetan haben.

Museum is anders. Sagen wir mal so: Wenn die Absicht war, Sympathie für die Ungarn zu erwecken, dann mag dies bei den meisten Besuchern geschehen. – Zitat: “Having survived two terror regimes, it was felt that the time had come for Hungary to erect a fitting memorial to the victims, and at the same time to present a picture of what life was like for Hungarians in those times.”

Neulich erst hatte ich eine ausführliche Diskussion zum Thema verfälschte nationale Geschichtsschreibung (anhand des Okkupationsmuseums in Riga) und habe dabei mit wenig Erfolg versucht deutlich zu machen, dass die Interessen eines Staates nicht unbedingt mit objektiven Erkenntnissen der Geschichtswissenschaften übereinstimmen müssen.

Ich möchte in diesem sowieso schon viel zu ernsten Post nicht noch weiter in die Ernsthaftigkeit hinabsteigen, es seien mir jedoch ein paar abschließende Bemerkungen zum Thema gestattet. Geschichtswissenschaft ist in erster Linie – wie Peter.S nicht müde wird zu betonen – daran interessiert Geschichten zu erzählen. Diese Geschichten aber, und hier liegt die Schwierigkeit unserer Profession: Sollen von einem objektiven Standpunkt und anhand der zur Verfügung stehenden Fakten bzw. auf Basis er vorliegenden Quellen soll erzählt werden was war. – Ausgehend von einer Fragestellung, die einen Mehrwert hat. (As you can see, I’ve been spending a lot of time with a lot of history people lately.)

Was das Terror Haza tut ist aber Folgendes: Quellen werden genommen und aus dem Kontext heraus neu gruppiert. Foto- und Video-Quellen werden ohne Unterschriften illustrativ an die Wände geklatscht. Im Prinzip ist das ganze Haus ein einziges Symbol – für die armen, armen Ungarn, denen so schlecht mitgespielt wurde. Sie nennen es ein Mahnmal.
Bestes Beispiel ist ein Zitat von Felix Dserschinski (Gründer der Tscheka) aus den 1920er, das einem Zitat von Mátyás Rákosi aus den 1950ern gegenüber gestellt wird. Was damit bewiesen werden soll? Das ruchlose Vorgehen der Kommunisten gegen jede Art von Gegnern. Das Ganze, wie überhaupt die gesamte Ausstellung, in ungarisch. Auf den Rat unseres Guides hin, habe ich in jedem Raum ein englisches Infoblatt mitgenommen, allerdings noch nicht durchgelesen. Macht der Standard-Besucher ja auch nicht.

(Kann ich auch.)

 

 

 

 

 

 

 

Und jetzt muss ich doch noch einige Worte über unsere Führung verlieren, auch wenn ich behauptet habe, dies nicht tun zu wollen: Es sei jetzt mal dahin gestellt, dass der gute Mann englisch sprechen musste… (wofür er offenbar ausgebildet und zudem bezahlt wurde). Ich möchte auch nicht bemängeln, dass er auf Nachfragen nur ausweichend eingegangen ist und dem generellen Ton der Ausstellung folgend wenig kontextualisiert hat. Is ja auch echt kein Spaß so eine Gruppe von Klugscheißern zu betreuen. Wirklich.

Aber der gute Herr hat einfach Unsinn geredet („die Ungarn mussten sich mit den Nazis verbünden, weil die ihnen ihr Land zurückgeben konnten“, „dumme Menschen sind gewalttätiger als kluge“, „die Bevölkerung wusste nichts von den kommunistischen Internierungslagen, die waren mitten im Wald“).

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2 Responses to “Terror ist nicht gleich Terror”

  1. Spannender Museumsvergleich! Deine Schilderungen haben mich sehr inspiriert… 🙂

  2. Sehr gut und sehr interessant. Durchaus richtiger Ton u richtige Länge als “ernstahfter Einsprengsel” in sonst heiterem Blog, dem Thema und deiner Profession sowie Reiseinhalt angemessen. Da ich DEiner historischen Kompetenz vertraue und die Argumente sowie Beispiele überzeugend finde, kann ich nur bestätigen, was Du nciht ausdrücklich aussprichst: Skandal.Die Anspielung auf die längere Diskussion habe ich auch verstanden!
    Dein Mitbewerber Martenstein hat heute eine gute Kolumne zum Begriff der Ehre in der CSU geschrieben. Empfehle ich weiter.

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