(Videoedition)

Manchmal macht man der Familie zuliebe ja schon komische Dinge. Ich war eben für 32 Stunden zuhause – und dafür 17 Stunden mit der Bahn unterwegs. Irgendwie war mir vorab nicht ganz klar gewesen, auf was ich mich da eingelassen hatte. Oma feierte ihren 70. und Alle kamen. Also kam auch ich.

Über die auftaktliche Schlafwagenfahrt berichtete ich bereits, hier nun Teil 2 meiner Aufzeichnungen, in dem ich von meinen Erlebnissen zuhause berichte.

I was working on a tight schedule. Sonntag war natürlich erstmal großes Essen anlässlich des Jubeltages. In Hammerstein, irgendwo im Kandertal aka ganz schön ab vom Schuss.

Es war köstlich. Im Laufe des Essens zeigte sich die Vorliebe einer gewissen Person für die hausgemachten Spätzle (das Fleisch war auch äußerst schmackhaft!), die dem Wirt nicht verborgen blieb. Dieser hatte sich bereits mit unserem Eintreten in seine Wirtschaft als ehemaliger Klassenkamerad meines Opas vorgestellt, nur um gleich klarzustellen, wie die Dinge laufen würden. Ich mochte die Spätzle. Er mochte, dass ich die Spätzle mochte. Und so lieferte er unermüdlich neue Portionen bis das Fass fast überlief. Aber kann mir keiner vorwerfen einem einmal erhaltenen Ruf nicht gerecht werden zu wollen: Ich habe sie alle gegessen. Auch die Extraportion, die mir mein treusorgender Herr Papa zum Nachtisch noch zusätzlich zum Eis dazu bestellte. Es ging um Ehre.

Der wirklich Spaß begann dann Sonntag Abend. Ich stamme aus einer Gegend in der man gerne und ausgiebig seinen Traditionen frönt und eine der wichtigsten ist selbstverständlich Fasnacht („Karneval“ für meine ausländischen Freunde). Bereits vor einiger Zeit erntete ich großartige Reaktionen, als ich einige damit verbunden Bräuche schilderte: Hemliglunki zum Beispiel – der Tag an dem das ganze Dorf in Nachthemden rumläuft.

Meine anderweitigen Verpflichtungen haben mich in den letzten Jahren davon abgehalten diesen dörflichen Festivitäten beizuwohnen, aber wo ich schon mal da war… Sonntag Abend, am Ende der Fasnachtswoche wird nämlich die Fasnacht verbrannt. Oh das klingt interessant, erzähl uns mehr! Ja ich breche das jetzt einfach mal auf seine Kernessenz runter: In einem durch und durch heidnischen Ritual wird der symbolisierte Winter ausgetrieben. Wir zünden ein Feuer an!

Besonders eindrücklich wird das Ganze dadurch, dass in unserer bergigen Gegend die Feuer von nah und fern weit über Berge und Täler hinleuchten und die Heiden in ihrem unchristlichen Tun verbindet. Es hat aber auch was von Hexenverbrennung und das war ja durch und durch kirchlich…

So oder so, ich war fest entschlossen alle sich bietenden Möglichkeiten wahrzunehmen und warf mich daher in passende Kleidung. Hierzu sei angemerkt, dass wir damals, als Kinder, natürlich wenn wir raus in den Garten, auf die Straße oder in den Wald (ihr seht schon…) gingen, immer unsere sogenannten „Schaffkleider“ anziehen mussten. Ich bat also darum, dem Anlass entsprechend mit Kleidung versorgt zu werden:

Und dann konnte es losgehen, Mit Fackeln und Haselruten (hierzu gleich mehr) versehen setzte sich die fröhliche Meute in Bewegung, bergauf zur traditionellen Richt- äh Feuerstätte.

Und dann gings ans Schiibeschla. Hierbei wird eine Holzscheibe im Durchmesser von ca. 7cm auf den mitgeführten Haselnussstecken gespießt und anschließend ins Feuer gehalten.

Die rotglühende Scheibe wird dann über eine eigens errichtete Rampe mit weit ausholenden Bewegungen ins Tal hinunter geschossen. Schon früh hat mir der James einst beigebracht, dass es dabei vor allem darum geht einem anderen Menschen schlechte Dinge an den Hals zu wünschen, denn eine Scheibe wird traditionellerweise mit dem Segenswunsch auf den Weg geschickt, sie möge den xy treffen. O-Ton: Schibi schibo die Schiibe soll go, die Schiibe soll surre, em (Lehrer) xy and Schnurre. (Das kann man jetzt nicht übersetzen.)

So, nach diesem kleinen Einblick in Brauchtum und Tradition des südlichen Markgräflerlandes, der mich in euren Augen hoffentlich nicht in einem anderen weil creepy Licht dastehen lässt, wende ich mich den weiteren Ereignissen dieses an Ereignissen vollen halben Wochenendes zu.

Nachdem ich den Heimweg durch den Wald heil hinter mich gebracht und mir den Rauch aus den Haaren gewaschen hatte, war es Zeit sich dem dörflichen Abendprogramm zuzuwenden. Ich berichtete bereits an Weihnachten über den In-Club, in dem sich solcherlei abspielt: Das Höfli. So führten meine Schritte und die meiner reizenden Gesellschaft auch an diesem Abend zu Eckos. Erstmal die Überraschung überhaupt: Die Berliner Bringschuld-Bande war, allen Teilnehmern unbewusst, fast vollzählig in der Heimat anwesend! (Grüße gingen und gehen an die Vierte im Bunde!)

Bei Eckos war der Saal geschlossen, denn der wurde vor einigen Jahren renoviert und Konfetti und diesen ganzen anderen Fasnachtsmist, den kann er jetzt echt nicht mehr gebrauchen, seitdem das Höfli ein respektables Café zu werden versucht… Im anderen Raum kam dann jedoch zu einer spontanen Klassenrunde, als sich uns zwei weitere ehemalige Mitschüler anschlossen. – Ja, das sind die Vorteile.

Als uns Eckos dann um kurz nach 1 freundlich aber entschieden bat nun doch bitte zu gehen, machten sich die Nachteile bemerkbar. Eine Alternative gab es nicht, der Abend drohte in wohl- und altbekannte Untiefen abzugleiten, als wir alle ziellose vor der Tür standen und niemand die Initiative ergriff. Zum Glück wurde das Urteil „Abbruch“ verhindert, nicht zuletzt dank des beherzten Eingreifens einer unbekannten Autofahrerin, die sich bemüßigt fühlte uns darauf hinzuweisen, dass wir nicht auf der Straße rumzustehen hätten. Ich hätte echt ein Foto machen müssen, alle die den Ort kennen werden sich der Absurdität der Umstände bewusst sein: Da stehen wir nachts um halb zwei vor dem Hof und die Alte kommt mit ihrem Auto vom Bahnhof her und will uns von der Straße scheuchen. Belebteste Ecke und rushhourigste Zeit überhaupt…

Wir sind dann zum Morgestraich.

Auch dies eine Veranstaltung mit langer Tradition, ich fasse kurz zusammen: In Basel beginnt die Fasnacht eine Woche später als sonst überall und zwar damit, dass in der Nacht von Sonntag auf Montag Schlag 4 Uhr die Lichter in der Innenstadt ausgehen und Trommler und Pfiffer (Piccolopfeifenspieler) sowie bunte Laternen durch die Stadt ziehen. Da sind dann auch immer ganz viele schlecht gelaunte Menschen. Deswegen geht der Einheimische an sich da eher sporadisch hin, aber ich war ja in touristischer und ethnologischer Mission unterwegs, daher ein Muss.

Heute Nachmittag dann musste natürlich auch noch der große Umzug („Kortäääääsch“) in Basel sein.

Bei der Basler Fasnacht werden traditionellerweise sogenannte „Schnitzelbänk“ verteilt, längliche Handzettel mit von den Fasnachts-Cliquen verfassten (lokal)politischen (Spott)Gedichten. Normalerweise lasse ich diese Erzeugnisse links liegen, aber heute möchte an dieser Stelle ein Exemplar zitieren, das sowohl den 250 Geburtstag des großen alemannischen Dichters Johann Peter Hebel feiert als auch den schleichenden Verlust der alemannischen Sprache anprangert (und dabei leider auch nicht vor fremdenfeindlichen Anklängen halt macht):

Z’Basel an mim Rhy…

Jää – wotsch denn deert no si?

S weiht e Luft, de schnallsch fascht ab,

s schmeggt noo Chemie und vyyl Kebab

und vo dr alemannische Kultuur

verliert sich bald die letschti Spuur.

[…]

Em Daig sy Sprooch, s isch laider soo,

kann e Durchschnittsbasler nimm verstoh,

‚kanitverstan’, dasch ‚Alterdumm’,

die Sprooch isch doot, verbii und drumm

gits neije Fiehrer fir ‚würggli’ alli,

e Werterbuech, vo Schwoobe (?), do schnall-y

ab. In Zuekumpft soll aifach Jeede und Jeedi

soo schriiebe wien-er duet reede – au Bleedi;

so wie halt dr Schnaabel gwachsen syygi,

ob Müller, Meier, öb Burgged, öb Gyygi,

grad so, wie’s kunnt, e Jeede hätt rächt,

adjee Kulturr, y glaub mir wird’s schlächt…

Nach einer zweiten schlaflosen Nacht trägt mich jetzt die Deutsche Bahn sanft und sicher zurück ins kalte, nasse Berlin – den Frühling hinter mir lassend, der uns heute Nachmittag am Fasnachts-Umzug bereits mit Tshirt-Wetter entgegen lachte.

Und wer mir sagen kann, was der wunderschöne Begriff „Epfelbutze“ bezeichnet, dem lese ich das ganze Gedicht vor!

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5 Responses to “32 Stunden Dorf – Schiibefür, Eckos und Morgestraich.”

  1. …dass du dich selbst als Fass bezeichnest, war mir neu-
    ich nehme an, von der lohnbringenden Übersetzung des Apfelbutzens sind Alemannen (leider) ausgeschlossen!

  2. …und überhaupt kam mir zu Ohren, dass du nach dem Spätzle-Exzess bei der einen Oma noch einen Kuechli-Exzess bei der anderen Oma nachgeschoben hast! Ich merkte schon an, dass sich die alte Weisheit vom Onkel Karl wiedermal bewahrheitet hat: Mit 25 muss mr nur endwedder schlaafe oder ässe, beides zamme nid.

  3. Schibi Schibo…was für e schöne itrag. Und so authentisch! Merci

  4. epfelbutze ist der apfelgriebsch! jawoll!

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