Dies ist eine kleine Reportage hauptsächlich für Alle außerhalb Berlins. Die Anderen wissen sowieso wovon ich rede. Bitte lests aber trotzdem, ich fühle schlecht bei dem Gedanken euch zu vergraulen.

Es ist Sonntag und die Saison hat begonnen. Welche Saison fragt ihr? Die Karaoke-Saison selbstverständlich! Hallo?!

Seit letzter Woche (hab ich gehört, ich war ja nicht da) haben wir auch hier in unserer schönen westsibirischen Stadt endlich wieder Sonnensonntage und das heißt vor allem eins: Alles strömt zum Mauerpark! Ich möchte den anderen Freiluftaufenthaltsplätzen kein Unrecht antun, aber da gibt es schon eine klare Rangfolge. Wenn dann wirklich Sommer sein sollte, dann sind die echten Parks eine ernstzunehmende Konkurrenz, aber noch, da es kein frisches Gras gibt – die ersten schwächlichen Versuche wurden heute von der wildgewordenen Meute gleich wieder niedergetrampelt – und die Sonne nur schwächliche Strahlen versendet, gibt es keine wirkliche Alternative zum Mauerpark. Boxi vielleicht. Aber das ist ein ganz anderes Flair. Nur Flohmarkt. Der ist im Mauerpark eigentlich nur Vorwand.

Es läuft folgendermaßen ab. Wenn Sonntag und wenn Sonne, dann wirft sich der gemeine Berlin-Hipster (klickt den Link an, es lohnt sich wirklich!) in seine Ausgehuniform und fährt mit der M10 zum Mauerpark. Natürlich gibt es da noch kleine Unterschiede, der eine wohnt zum Beispiel schon im Prenzlauer Berg, der muss dann nur rüber laufen, der andere war vielleicht gar nicht zuhause und feiert einfach gleich weiter. Aber im Prinzip sind sie doch alle gleich.

Jetzt ist der Berlin-Hipster nochmal ein bisschen verschieden von seinen Verwandten in anderen Teilen der Welt. Er trinkt zum Beispiel gerne Bionade. Oder halt Bier. Wegbier ist an einem Sonntag auch um zwei schon voll in Ordnung. Das haben auch die Kleinhändler erkannt und deswegen gibts im und um den Mauerpark sehr viele spontane Möglichkeiten Bier zu kaufen. Es wird einem nun nicht gerade aufgedrängt, aber die Kaufschwelle hängt sehr, sehr niedrig. Obwohl. Eigentlich doch aufgedrängt.

Aber rein äußerlich unterscheidet sich der Berlin-Hipster nicht groß von den Anderen. Bunt muss es sein. Irgendwie voll individuell eben. Retro und vintage. So mit Kinderaccessoires, Oma-Klamotten, Pelz gerne auch mal, aber nur ironisch, und natürlich Sonnenbrille. – Die Sonne scheint doch Mensch. Aber mal ganz ehrlich, wir (klar, wenn ich da war kann ich mich wohl kaum davon ausnehmen) würden auch Sonnenbrillen tragen, wenn der Himmel eher bedeckt wäre. Das ist eine Frage der Etikette. Uniform eben.

Jetzt ist ja grade erst Saisonauftakt, da sind alle noch irgendwie winterblass und trauen sich noch nicht so richtig, aber wartet nur ab, sobald man keine Mützen und Schals mehr braucht und erst recht wenn man dann Röcke ohne Strumpfhosen tragen kann, dann gibt es kein Halten mehr. Oh wie ich mich schon freue, wenn es wieder heißt wer-hat-das-schönste-Sommerkleid?! All diese jungen, schönen, individuellen Menschen.  Ein einziger menschgewordener Augenschmaus. Cheerleader-Effekt at its best. (Ich habe versagt dieses Video einzubetten weils kein youtube istt…)

Und wo wollen die Alle hin? Natürlich zum Mauerpark-Karaoke. – „A weekly must see event for locals aswell as tourists.“

Seit ein paar Jahren (ehrlich gesagt weiß ich nicht, wann das angefangen hat, ich bin eben nicht vorreitermäßig genug) haben sich ein paar Typen gedacht, hey, wie wär’s, wenn wir zwei große Lautsprecher und unseren Laptop nehmen und damit Karaoke im Mauerpark anbieten? Das muss den verstrahlten, hippen, möchtegernen Sonntagsmenschen doch gefallen. Wir sind doch selber welche von ihnen, wir kennen unsere Pappenheimer doch. Und siehe da, der Plan ging auf. Mittlerweile finden sich jeden Sonntag geschätzte 1000 Menschen (ausnahmsweise mal wirklich realistische Schätzungen) im Amphitheater im Mauerpark ein und genießen das Spektakel. Früher haben die Menschen noch selbst gesungen, heute lassen sie die Maschinen die Musik machen und brummen, krächzen, gieksen irgendwas dazu. Is eben ne andere Zeit dieses heute.

Mauerpark-Karaoke hat so seine ganz eigenen Regeln: 90% der Sänger sind Touristen oder zugezogene aus irgendwo anders in Europa. Der gemeine Berliner an sich singt da nicht. Wo käme man denn da hin. Dazu sind wir viel zu cool. Wir sitzen da, urteilen, kritisieren, klatschen (der Deutsche klatscht ja gerne mit…) und singen verschämt den Refrain und die ganzen Mutigen auch mal die Strophen mit. Aber erst leise und so testmäßig um zu sehen was die Nachbarn machen.

Feige könnte man auch sagen. Aber wer macht sich schon gerne vor der unkenntlichen Masse, in der sich vielleicht Bekannte verbergen könnten lächerlich.

So, hier mal zwei von mir unter dilettantischen Bedingungen erstellte Mitschnitte. Im ersten auch zu sehen: Einer der Bierverkäufer in Aktion.

Ja fass dir doch mal selbst an die Nase Sandra, na, hast du schon mal gesungen? Ich? Beileibe nein. Mon Dieu! Da muss man doch so lange warten. Und außerdem kann ich doch gar nicht singen. Ja. Das hält sonst auch keinen ab. Um genau zu sein ist es umso lustiger, je schlechter der Sänger. Nur ne gute Show muss er natürlich machen! So wie der Typ, der seit immer jedes Mal I did it my way in seiner eigenen Version (irgendwas mit Gott und „… so ist mein Leben.“) singt. Der is sogar schon richtig berühmt geworden. Könnt ihr ja mal youtuben.

Na gut, hier:

Nur eines nervt mich echt: Die Kinder, die meinen irgendwelche Kinderlieder zu singen. Und die Eltern, die das unterstützen. Und dann soll man das ganz toll finden. Ich sage nein! Entschieden nein! Ich bin da um zu sehen wie sich erwachsene Menschen, die meist im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte sind, an einem schönen Sonntag Nachmittag lächerlich machen! Und nicht um Kinder mit Schmetterlingsflügeln und coolen Sonnebrillen, die so niedlich im Kreis laufen süß zu finden! So.

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One Response to “Saisonauftakt im Mauerpark. Oder: Der gemeine Hipster in seinem natürlichen Habitat.”

  1. …was heißt hier, das ist nix für Berliner. That depends… Für originale und eingeborene Reinickendorfer oder Zehlendorfer oder Wlmersdorfer sind das doch Berichte von einem anderen Stern…Seeehr intreressant!

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