Heute ist der Tag an dem ich extra früher ins Büro gefahren und noch ein bisschen länger als notwendig dort geblieben bin, weil zuhause nur diese blöde Masterarbeit, die noch nicht mal eine ist, sondern nur ein schreiender Haufen Baby-Masterarbeit, auf mich gewartet hat. Gut, dass es für akademische Arbeiten kein Jugendamt gibt.

Wir hier bei einviertelleben sind ja quasi die Speerspitze der Avantgarde, daher präsentieren wir auch immer wieder völlig neue Gedanken und Ideen in immer neuen Gewändern. Heute: Fotosafari mit Sandra.

Seit jetzt auch in Berlin Frühling ist und man sogar schon so weit gehen kann sich im Tshirt rauszuwagen, drehen ja wieder alle durch. Und um da schön mit von der Partie zu sein, hab ich mein Fahrrad rausgeholt und seither wird überall nur noch hingestrampelt. Strampeln weil Klapprad. Jetzt liegt der Vorteil natürlich auf der Hand – man erhält, trotz Büro- und Schreibtischexistenz seine tägliche Ration Sonne und ich bin guter Laune. Aber, jetzt kommts natürlich, zu jedem Vorteil ein Nachteil, man is ja irgendwie so unproduktiv beim Fahrradfahren. In der UBahn, da kann ich Zeitung lesen, oder Buch oder telefonieren oder so, aber das alles fällt erstmal weg, ist man strampelnderweise auf den Straßen Berlins unterwegs. Telefonieren wäre vielleicht drin, aber nunja. Also klar, man kann Musik hören. Aber sonst ist man mit seinen Gedanken ziemlich allein gelassen. Und die machen sich, in Verbindung mit den allzeit bereiten Augen ja dann gerne mal selbstständig.

Heute erhaltet ihr daher die seltene aber umso schätzenswertere Möglichkeit an meinen morgendlichen Gedanken teil zu haben. Was ich mir halt so überlege, wenn ich zur Arbeit fahre. Boah spannend, gähn, sagt sich der ein oder andere. Pah! Haste ja noch nicht gelesen mein Lieber! Soviel vorne weg: Morgens bin ich ja noch ein bisschen runter gefahren, es sollten also alle mitkommen so vorstellungstechnisch. Und den Rückweg hab ich mir für ein andermal aufgespart, man sollte ja immer noch was in petto haben, sagt sich der kluge Freizeitblogger.

Auf los gehts los.

Raus aus meiner Straße, rauf auf die Autobahn. Die Karl-Marx-Allee kann in Fahrradfahrerkreisen durchaus mit jeder wichtigen Schnellstraße Deutschlands mithalten. Auf die linke Spur, die nahe bei der Fahrbahn, da trauen sich nur die härtesten Pendler drauf. Und ganz weit rechts außen, da trifft man die Sonntagsfahrer. Bevor ich mich da ins Getümmel stürze aber erstmal ein Blick auf die Uhr.

So jetzt hier, Frankfurter Tor. Bis dahin fahre ich immer auf der linken, sprich schattigen Seite, weil sichs einfach so anbietet. Da ist man natürlich Gegenverkehr in dem Sinne. Also sind die ersten paar Meter noch eher durch Gemütlichkeit meinerseits weil Fahrens im Fußgängerbereich gekennzeichnet. Aber hat man erstmal das verkehrstechnische Nadelöhr Frankfurter Tor überwunden, hält einen so schnell nichts mehr auf.

Jetzt denkt nicht, ich sei extra abgestiegen um den Blick zu genießen. Nein, meine Kette ist mal wieder rausgesprungen. Das macht sie oft. Heute zum Glück nur das eine Mal. Einschub: Weil ja Sonne und so, dachte ich heute morgen, komm ziehste mal die weiße Frühlingshose an. Ja. Klasse Idee. Das Kettenfett hab ich dann auf der Kamera verteilt, aber die Hose is trotzdem nicht mehr sauber. Berlin dieser Moloch hält nichts von weißen Hosen.

So, hier das Kino Kosmos. Da tanzt angeblich Berlin. Hm. Hab jetzt noch nie gehört, dass da irgendwer hingeht. Aber Autosuggestion soll ja helfen. Das gelbe am linken Bildrand ist übrigens schon die dritte Ampel Uhr, die unseren Weg kreuzt. Es werden noch einige folgen. Dies wirft die Frage nach der Uhrenindustrie der DDR auf. Hat da irgenwer Nischenkompetenzen?

Weiter jetzt. An der Karl-Marx-Allee wird gebaut. Also immer. Momentan erneuern sie die Ubahndecke der U5. Warum auch nicht. Deshalb müssen die Fahrbahnen anders genutzt werden und darunter leidet natürlich der Velo-Highway.

Kurzerhand haben sich die findigen Herren von der Firma Tiefbau Bauch – ja, irgendwann merkt man sich den Namen – gedacht, hier komm, die Fahrradfahrer sind auch nur Menschen, die sollens mal schön haben. Und deswegen gibts jetzt diesen lustigen Abenteuerabschnitt.

Neben kurvigen Abschnitten gehören dazu auch die allseits beliebten Straßenbelag-Überbrückungs-Hügel (Name von der Redaktion geändert), die für unvorhergesehenes Verlangsamen der Fahrt sorgen. Besonders spaßig bei Gegenwind.

Am Straußberger Platz hat man nochmals die Möglichkeit die eigene Uhr oder das eigene Handy mit der öffentlich angeschlagenen (kann man das so sagen?) Zeit zu vergleichen, bevor wir nun die Ausfahrt Richtung Kreuzberg nehmen.

Auf dem Weg die Andreasstraße entlang fallen zwei Phänomene ins Auge. Erstens die Werbung bei Kaisers. Die Zielgruppe dieser Filiale, das wird auf den ersten Blick deutlich, unterscheidet sich signifikant von derjenigen der Filiale an der Warschauer Straße. Während diese mit bestechenden Argumenten wie Öffnungszeiten bis 24 Uhr und extra Kühltheken für Bier im Kassenbereich aufwartet, stehen in der Andreasstraße andere Qualitäten im Vordergrund. Der Rätsels Lösung ist vermutlich im angrenzenden Altersheim zu finden.

Zweitens: Ich bin ja generell durch Werbung durchaus zu beeinflussen. Man muss mir nur lange genug erzählen dass xy super ist, dann glaube ich das. Kein Problem. Wenn ich nun also diese Brücke da bei der Maria, weißte, die von der man rüber zum Radialsystem sehen kann, na weißt schon welche, hochkeuche (lacht nicht, mein Fahrrad hat keine Gänge, da is immer Gegenwind und Berge bin ich schon lange nicht mehr gewohnt!), dann bleibt genug Zeit um mich der Botschaft dieses unbekannten Künstlers zu widmen.

Dumm nur, wenn unter der angegebenen Adresse nichts zu finden ist. Auch nicht unter der alternativ angegebenen Adresse mit zwei s. Schlechtes Marketing Freunde.

Gleich nach der Brücke gehts scharf rechts. Da ist zwar kein so schicker grüner Rechtsabbiegerpfeil wie an der Koppenstraße, der immer sentimentale Erinnerungen an die guten alten Fahrschulzeiten weckt (da fällt mir ein, ich hab neulich von Babsi geträumt, das ist doch etwas verstörend, wo ich nichtmal mehr wüsste wie sie aussieht, außer dass sie blond war und eine Lederjacke hatte), aber ich bin ja Fahrrad.

Auf dem obigen Bild ist die Köpi zu sehen. Ich zitiere Wikipedia: Die Köpi (auch Køpi) ist ein 1990 besetztes und 1991 legalisiertes Haus in der Köpenicker Straße 137 im Berliner Ortsteil Mitte, das heute als autonomes Wohnprojekt und Kulturzentrum genutzt wird. Der Garten wird als Wagenplatz verwendet. – Manchmal ist es gut, wenn man endlich mal ein Bild zu den Dingen hat, die man sonst nur als Slogan kennt. Dann muss man nicht länger so tun als wüsste man voll Bescheid, auch wenn das gar nicht der Fall ist. Jetzt einfach mal so in den Raum gestellt.

Hier ein weiteres Beispiel von Werbung im öffentlichen Raum. Es handelt sich hierbei um eine Sneak Preview auf die irgendwann folgende Rückfahrt, denn wenn ich ehrlich bin sieht man das Plakat auf dem Hinweg nicht. Ich bin da immer sehr nach vorne orientiert und so nach links und rechts sehe ich nur auf die Distanz. Das Plakat ist aber quasi direkt an der Straße, hier sind die Bürgersteige nämlich schmaler. Wichtigster Hinweis hierzu: Vielleicht wäre es authentischer, wenn der „Schweizer“ ober- statt überpünktlich sagen würde. Denkt mal drüber nach!

An der Ecke Köpenickerstraße/Heinrich-Heine-Straße (den älteren unter euch vielleicht aufgrund des ehemals existierenden Übergangs nach Ostberlin ein Begriff) wird nicht nur mein momentanes Interesse an Plattenbauten befriedigt, nein, hier endlich treffen wir wieder auf eine Uhr. Ganz klein und versteckt am linken Bildrand.

Seitdem ich nicht mehr da wohne, wo ich mal gewohnt habe, kann ich mich auch nicht mehr täglich auf dem Nachhauseweg an der Revaler Straße über die anstehenden Konzerte und Festivals informieren. Gut, dass da jetzt Ersatz gefunden ist.

Allerdings scheint auch hier die Zielgruppe nicht ganz mit meiner sozialen Verortung übereinzustimmen: Udo Jürgens, Peter Maffay, Die Prinzen, Michael Bolton und Chris DeBurgh… nunja.

Aus gegebenem Anlass präsentiere ich heute zudem die Australische Botschaft. Normalerweise lasse ich diese unbemerkt rechts liegen, doch nach dem gestrigen Abend (wir müssen nicht weiter darüber sprechen), ist ein Bild das mindeste. Ein ähnliches Foto wurde schon im letzten Sommer gemacht, damals hatten wir am Tag zuvor gerade haushoch gewonnen. Im Bild außerdem zu sehen: The artist as a young cyclist.

Sind wir bald da? Nein.

Auffallenderweise sind die Straßen Berlins momentan mit Spendenaufrufen großer Hilfsorganisationen gepflastert. Eine kurze stichprobenartige Zählung hat ergeben, dass zwischen Straußberger Platz und Spittelmarkt genau 1 Plakat von misseo, zwei Plakate der Diakonie und 7 (!!!) Plakate von Misereor zu sehen sind. Und dabei habe ich erst neulich gelernt, dass der Deutsche an sich gerne zweckgebunden (mein Kandidat für das Wort-des-Jahres) spendet. Das sind also gut angebrachte Gelder meine lieben Hilfsorganisationsmarketingmenschen.

An der Ecke Seydelstraße (musste ich nachgoogeln)/Leipziger Straße habe ich zum letzten Mal eine Uhr entdeckt. Leider geht sie falsch.

Um die Leipziger Straße, ein besonderes Schmankerl städtebaulich gesehen, zu überqueren, drücke man diesen Knopf. MIt Ärmel selbstverständlich!

3-7 Minuten später wirds dann grün. Bis dahin haben sich aber auch schon circa 20 Fahrradfahrer auf beiden Seiten der Straße plus etwa 2 Fußgänger eingefunden. Lohnt sich dann also.

Immer schön auf der Busspur geht es dann auf die letzten Meter. Die Champs-Élysées zu Zeiten der Tour-de-France sind ein Scheiß dagegen. Die wahre Action spielt sich auch im wahren Leben ab.

So wie diese Fußgänger, die plötzlich aus dem Hinterhalt auf eine Straße gesprungen kommen, die sich sogar Fahrradkuriere nicht anders als über die Fußgängerampel zu überqueren trauen. Aber macht ja nichts, wie man vielleicht erkennen kann, sind die beiden Damen im Vordergrund und das Kind zur Linken in körperlich allerbester Verfassung um den Kampf mit den vorbeidonnernden Autos aufnehmen zu können.

Zum Schluss noch ein Bild des Friedens: Die fast schon provinzielle Stille der Friedrichstraße morgens halb elf in Deutschland.

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3 Responses to “On the Highway to Work”

  1. das trifft sich hervorragend – ich denke darüber nach, nach 8 jahren wieder unter die fahrradfahrer zu gehen und du hast diese prima anleitung zum radfahren geschrieben!

  2. Bist du sicher, dass die Uhr an der Leipziger Straße falsch geht und du nicht doch über 90 Minuten Fahrzeit gebraucht hast? Untrainiert nach einem langen Winter? Uns kannst du ja viel erzählen.

  3. Merci für das Foto unserer Botschaft! 🙂 You are alway on my mind – too! Big Hug from Sydney

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