Die Bahn, dieses Objekt ständigen Spotts und abgrundtiefer Verachtung, ist eigentlich ein großer Erzieher. Mein Wochenendausflug nach Tübingen hat mir erneut die Möglichkeit verschafft, teilnehmender Beobachter an diesem großangelegten Erziehungsprogramm zu sein.

Was soll das schon wieder?

Ruft euch mal vor Augen, wie bereitwillig wir in vorauseilendem Gehorsam unsere selbstausgedruckten (!) Tickets und Bahncards zücken, schon auf das sich am Horizont des Wagens abzeichnende Erscheinen des Ticketkontrolleurs!

Apropos selbstausgedruckt: Kaum noch jemand hat die alten, am Schalter gekauften Tickets. Auch hier sind wir durch Mürbemachen erzogen worden. Oder, gerade eben selbst erlebt:

Der ganze Zug ist zum Platzen gefüllt, ich quetsche mich durch die immer zu engen Gänge, die dann besonders eng werden, wenn zwei Menschen aneinander vorbei wollen – Überraschung, auf der Suche nach meinem Platz. (Auch hierin erzieht uns die Bahn: Konfliktbewältigung in Stresssituationen, Affektkontrolle…) Und obwohl diese Suche einige Zeit in Anspruch nahm aufgrund dessen, dass ich 5 Wagen zu weit hinten einsteigen musste, weil wir Verspätung hatten und blabla, war mein Platz noch nicht von einem der übereifrigen Bundeswehrsoldaten (die gibt’s noch!) oder Wochenendpendlern belegt worden! Das hätt’s früher nicht gegeben!

Was war in Tübingen? Baby!

Ich habe gelernt, dass ein Kind zu haben nur Vorteile hat: Man kann den ganzen Tag im Schlafanzug rumlaufen, niemand wundert sich, wenn man ein paar Tage lang nicht duscht und wenn man zu spät ist, hat man immer eine Ausrede. Außerdem praktisch: Kleine Kinder, die sich noch nicht wehren können sind perfekte Unterhaltungsgegenstände, wenn man sie beispielsweise ahnungslosen weil kinderlosen Besuchern in den Arm legt und plötzlich machen sie unkontrollierte Geräusche und sondern Flüssigkeiten aller Form und Farbe ab.

Und auch dass sie nichts können ist herrlich, als Eltern kann man sich scham- und gnadenlos über sie lustig machen. – Aber wartet nur ab, ich merke mir das alles und wenn er alt genug ist, dann erzähl’ ich’s ihm, hehe. Ja, das hat man nämlich davon, wenn man mich beniesen, bespucken, bepupsen und so weiter lässt!

Absehbarerweise sind der Kleine und ich aber wunderbar miteinander ausgekommen, nicht nur hat er offenbar allergisch auf mich reagiert und ich wurde dadurch zum Sneeze-Master, wann immer er in meine Nähe kam ist er zudem in einen todesähnlichen Starrschlaf gefallen. Babyflüsterer! Ansonsten ist er halt, auch wenn erst wenige Wochen alt, eben ein Mann und daher hauptsächlich auf Brüste fixiert. Mit Milch ist besser als ohne, aber wer will im Zweifel wählerisch sein?

Tübingen ist auch ganz schön.

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2 Responses to “Einmal Schwaben und zurück.”

  1. Ich fand den netten Kerl hinter Gittern auch besonders anziehend an Tübingen, auch wenn du noch mehr schöne Plätze gefunden hast!

  2. Zum Bahnerziehungsprogramm:

    Man kann auch relativ viel lernen im Bord Bistro (wieviele AlfonGs Schubecks gibts übrigens eigentlich in der Republik? Mindestens einen pro ICE…) – z.B. dass warmes Bier kein Heissgetränk ist und daher morgens nicht in Kombination mit einem Croissant für 3.5 Euros erworben werden kann…schade eigentlich aber anscheinend ist “heiss” in Heissgetränk kein Attribut sondern ein Auswahlkriterium, dass mit der eigentlichen Bedeutung des Wortes wenig zu tun hat…

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