Der Spiegel schreibt, die russische Opposition verliere an Zuspruch und vermutlich stimmt das zahlenmäßig in Demonstrationsteilnehmern gesprochen tatsächlich. Als wir aber Samstag die Rolltreppe von der Metro hoch zum Nowij Arbat nahmen, da sah es erstmal ganz anders aus. – Das fanden übrigens Viele und haben dann auch gleich Fotos gemacht:

Und auch auf den knapp 500 Metern bis zum Ort der Demonstration an einer der befahrensten Straßen der Stadt, kam man aufgrund der vielen Menschen nur im Schneckentempo voran. Positiver Nebeneffekt: Man konnte eingehend die blutjungen, bemüht garstig vor sich hin starrenden OMON-Polizisten unter die Lupe nehmen und siehe da, die tragen mehrheitlich Fellstifel mit Gummiüberschuhen! Man kann ihnen das natürlich nicht verübeln, besonders wenn man selbst zwei Strumpfhosen unter der Jeans und drei Paar Socken trägt, aber die harter-Kerl-Nummer leidet darunter dann natürlich schon.

Die Kundgebung (neu-russisch: miting) war dann aber tatsächlich recht übersichtlich. Während man sich am Montag auf dem Puschkin-Platz noch richtig durchquetschen musste, war es jetzt, bei strahlendem Sonnenschein und angenehmen minus 8 Grad kein Problem bis fast ganz nach vorne zur Bühne zu kommen. Angeblich waren 25.000 Demonstranten gekommen. Ich weiß nicht, ob das stimmt, ich glaube eher weniger. Aber der Platz war auch groß, es hat sich verteilt.

Der Sound war besser und verstanden hat man auch mehr, als am Montag, so richtig kapiert, was gesagt wurde, habe ich dann aber auch erst durch den Spiegel-Artikel. Ich will hier jetzt garnicht behaupten, ich wäre der Mega-Checker und wüsste genau was da eigentlich los ist hier in Moskau, in Russland. Weiß ich nicht. Aber wenn wir schon hier sind, dann gehen wir auch hin. Das bin ich mir selbst schuldig. Soviel Zeitgeschehen kann man sich selten gönnen. Ich spreche hier also nur von meinen subjektiven Eindrücken!

Was im Spiegel zum Beispiel nicht steht, ist, dass die Versammelten wirklich guter Laune waren und engagiert. Als einer der Redner, die sich auch wirklich kurz gefasst haben, meinte, es genüge nicht, nur immer zu sagen, die Wahlen waren gefälscht und es müsse Wiederholungen geben, sondern man müsse sich jetzt und in Zukunft engagieren und selbst etwas tun und die Situation ändern, da gab es glaube ich den meisten Zuspruch. Und als ein anderer erklärte, seine Tochter sei 2000 geboren und er könne sich nicht vorstellen, dass sie ihr ganzes Leben nur Putins Herrschaft kennen soll. Man klatscht dann ganz artig und der ein oder andere ruft Zustimmendes in Richtung Video-Leinwand.

Was tatsächlich stimmt, ist dass die Sprechchöre – immerhin gibt es sie – doch recht uninspiriert immer nur zwei, drei Parolen wiederholen: “Russland ohne Putin”, “Putin der Dieb” und der schöne Dreiklang “Das sind keine Wahlen, das ist keine Duma, das ist kein Präsident”. Aber immerhin!

Man darf jetzt aber nicht denken, dass es allgemein hoch herginge, im Gegenteil. Alle stehen rum, schwenken vielleicht vereinzelt Fahnen oder halten Plakate hoch – und hören interessiert zu. Da wird nicht gequatscht! Aber Fotos werden gemacht, das ist unglaublich. Was da Leute mit Mega-Kameras mit Riesenobjektiven rumlaufen, oder Andere, die Live-Streams über ihre Laptops oder iPads laufen lassen, oder Interviews durchführen. Und wenn dann mal einer von der Bühne oder aus der Menge zu einem “Rossija bes Putina” ansetzt, dann trägt sich das auch nicht länger als 7, maximal 8 Wiederholungen. Aber auch hier wieder: Immerhin!

Ich kam mir dann immer ein wenig verloren vor. Zwar hab ich einiges verstanden und ich bin ja auch voll dagegen bzw. dafür und so ein weißes Band, das trage ich auch ganz selbstverständlich am Mantel und an der Tasche, aber ich kann doch da nicht in einem fremden Land in einer fremden Sprache Parolen schreien. Hingehen, das ja. Es geht ja auch gerade darum, dass da viele Menschen sind und wie gesagt, ich bin ja eigentlich dafür / dagegen.

Aber wofür nochmal genau? Gegen Putin, ja. Aber andererseits fällt es mir auch schwer, die Leute ernst zu nehmen, die sagen, sie sind gegen Putin, aber keine Alternative vorschlagen. Oder die ihn dann halt doch wählen, weil es keine Alternative gibt. Und deshalb versteh ich auch voll, dass sich mittlerweile nicht mehr so viele Leute motivieren lassen, zu diesen Veranstaltungen zu gehen, denn jetzt sind die Wahlen gelaufen und jetzt müsste man mal einen eigenen Vorschlag bringen. Aber davon war am Samstag leider tatsächlich nicht allzu viel zu bemerken.

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