Wiktor Iwanowitsch hat nicht viel gesprochen. Zwar hat er mich besser verstanden, als wir uns dann gesehen haben, aber generell ist er eher nicht so der gesprächige Typ. Sowas macht mich nervös. Ich weiß dann immer nicht, wie ich reagieren soll. Und dann laber ich eben so sinnlos vor mich hin, nur um ja keine Gesprächspause entstehen zu lassen, die dem Anderen vielleicht unangenehm sein könnte. Smalltalk-Master Sandra. Und jetzt stellt euch das mal auf Russisch vor. Das war vermutlich für beide Seiten kein allzu großer Spaß.

Weil sich unsere telefonische Kommunikation erstmal schwierig gestaltet hat, haben wir uns gegenseitig natürlich auch nicht gleich gefunden. Frage: Was macht man, wenn man sich mit einem völlig Unbekannten in einer fremden Stadt verabredet? Im Zweifel sucht man sich einen Ort, den man kennt und hofft dann, dass einem der Andere schon finden wird. Ich habe mal gehört, in Berlin sei das die Weltzeituhr. Außerdem habe ich am Telefon den hilfreichen Hinweis ausgegeben: Wir sind drei Leute und wir sprechen deutsch. Nicht allzu schwer zu finden, die Schlüsselübergabe mit Wassilij, auf dem Ubahnsteig neulich hat doch auch wunderbar geklappt.

Irgendwie hatten Wiktor Iwanowitsch (vulgo Onkel Witja) und ich es also geschafft den Metro-Ausgang vor der Leninbibliothek als Treffpunkt zu verabreden. Dachte ich zumindest. Und während wir da so stehen und jeden daher spazierenden älteren Mann mit schwarzer Mütze (so lautete seine Selbtsbeschreibung: ich trage eine schwarze Mütze – ok, möglicherweise habe ich den Rest einfach auch nicht verstanden…) auffällig anglotzten und außerdem immer wieder ein sinnfreies “Wiktor Iwanowitsch” in unsere Unterhaltung einfließen ließen – es hätte ja sein können, dass er grade an uns vorbei geht – wer kommt nicht plötzlich die Ubahn-Treppe hoch? T. der einzige in Moskau Lebende, den wir wirklich kennen (soll heißen kein Freund eines Bekannten eines Freundes, den man mal treffen könnte). Sowas aber auch!

Irgendwann kam dann auch Wiktor I., der natürlich an einem anderen Ausgang gewartet hatte und der das Prinzip von SMS laut eigener Aussage nicht versteht (was hilfreich wäre, wenn man nicht so gut hört) – und der Spaß konnte beginnen. Was fällt uns nichts besseres ein, als ihm vorzuschlagen zum Roten Platz zu spazieren. K. war da noch nie und neulich war er ja gesperrt und überhaupt, was macht man denn mit älteren weit entfernten und unbekannten Verwandten? Habe aber genau gesehen, wie er innerlich zusammen gezuckt ist: Diese dämlichen Touristen, am Samstag auf den Roten Platz, na herrlich. Aber wahnsinnig charming, wie er war, hat er sich darauf eingelassen.


Wir sind dann einmal zum Roten Platz und dann noch ein wenig rumgelaufen: Wiktor Iwanowitsch, wo spazieren wir denn hin? – Joa, also so hier so, durch interessante Gassen. Und wieder konnte ich mir genau vorstellen, wie er innerlich mit sich gerungen hat: Boah ne, jetzt muss ich mir hier auch noch was überlegen für die, na gut, dann halt ein bisschen um den Block laufen, die haben ja eh keine Ahnung.

Mitten auf dem Roten Platz hat Wiktor I. dann seine Frau angerufen (Wiktor Iwanowitsch, wie heißt denn Ihre Frau? – Na, das wird sie euch selber sagen.) und uns zum Tee angekündigt. Oh yeah, Lehrbuch-Situation, wir kommen! Was habern wir uns gefreut! Ok, wir waren dann erstmal zu spät, ein suboptimaler Auftakt, weil wir – so haben wir gelernt macht man das – noch Blumen kaufen wollten und zwar gibts hier überall Blumenstände, aber wenn man mal einen braucht… und ausgerechnet dann ist außerdem der langsamste Mensch der Welt, der für alle seine Verwandten und Bekannten Blumen kaufen muss, vor einem. Und Wiktor I. hatte schon wieder allen Grund entnervt zu sein (nicht, dass mans ihm angemerkt hätte): Jetzt hatte er extra einen Spaziergang mit uns gemacht, damit seine Frau den Tee vorbereiten konnte, da mussten wir alles verzögern mit so einer unsinnigen, ungeplanten, undurchdachten Aktion. Achje.

Olga, so heißt die Frau von Wiktor Iwanowitsch,war dann schon eher sehr gesprächig. Im guten Zimmer hatte sie aufgetischt, es war eine Freude anzusehen.


Und als wir dann tausend Liter schwarzen Tee tranken und 20 kg Kuchen aufgetischt bekamen- der Klassiker: hier komm, nimm noch eins, und noch eine Mandarine und noch einen Cracker mit Käse für den jungen Mann, und noch eine Tasse Tee – da blühte dann auch Wiktor Iwanowitsch ein wenig auf. Das lag aber hauptsächlich daran, dass er dann Olga widersprechen konnte und wohl kaum an unseren unbeholfenen, die Grenze zur Unhöflichkeit immer wieder nur haarscharf umschiffenden Fragen und Gesprächsthemen…

Nach etwa eineinhalb Stunden hatten dann alle Seiten das berechtigte Gefühl, es sei nun genug und Olga gab mir die Handy-Nummer ihrer Enkelin (Olga die Jüngere) und nahm mir das Versprechen ab, diese doch nun bitte am Montag Abend unbedingt anzurufen, sie spreche auch hervorragend deutsch. Wie, was soll das denn nun heißen? Ich hab mir hier grade zwei Stunden übelst einen abgebrochen und alles ausgepackt, was ich an Russisch-Kenntnissen zu bieten habe! Wiktor I. hat Olga dann auch recht bestimmt darauf hingewiesen, dass ich doch hier sei, weil ich Russisch lernen wolle –  nur um selbst gleich danach irgendeine unwichtige Vokabel, dann doch auf Englisch zu wiederholen, offenbar hab ichs halt doch nicht schnell genug kapiert. Ihr merkt: Die Ansprüche an den die russische Sprache Lernenden könnten im Alltag nicht höher sein!

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One Response to “Endlich: Onkel Witja.”

  1. Schön, dass du deine familiären Verpflichtungen so tapfer erfüllst. Die Großfamilie weiss es zu schätzen!
    Elke meinte, es gäbe wohl drei Olgas…

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