Alexandra hat schwarze Haare, aber sie hat’s ganz sicher nicht leicht mit uns! Ich stelle mir vor, dass sie irgendwann früh morgens, irgendwo in irgendeinem grauen Wohnbezirk von Moskau aufsteht, Kaffee trinkt, sich fertig macht, eine Stunde quer durch die Stadt fährt – alles das, schon bevor sie dann um Punkt 9.30 Uhr im Raum 108 sitzt und auf uns wartet.
Wir dagegen stehen im Zweifel kurz nach 9 Uhr auf, ziehen uns an, schlurfen aus dem Wohnheim rüber ins Unterrichtsgebäude, ohne Jacken, ohne Handschuhe, ohne Winterstiefel, mit Kaffeebecher in der Hand – und dann sind wir auch noch jeden Morgen zu spät.

Da fängt der Tag als Lehrer doch so richtig ideal an…

Bis gestern dachte Alexandra (und sie fand unser Verhalten offenbar trotzdem tolerierbar), dass die viermal dreimal 90 Minuten Unterricht, die wir in der Woche haben, all unseren workload darstellen. Seitdem sie weiß, dass manche von uns nebenher Hausarbeiten schreiben oder für Prüfungen lernen, dass wir hier unsere Semesterferien verbringen, denkt sie, glaube ich, wir sind ein bisschen sehr verrückt. Ich muss behaupten, ein wenig Bewunderung schwang gar mit!

Einschub: Mensaessen. F. meinte es sei wohl Fenster-Abdichtung, die da zu Algen gereicht werde:

Komisch sind wir sowieso. In der ersten Stunde (wohlgemerkt: Beginn 9.30 Uhr, gefühlte 5 Minuten nach dem Aufstehen, und ohne dass wir den schützenden Kokon des 25 Grad warmen Puschkin-Instituts verlassen hätten) hängen wir wie so schlappe Wassersäcke in den Bänken, die btw. die unbequemsten Sitzgelegenheiten sind, die man sich in einer akademischen Umgebung überhaupt vorstellen kann. Ich würde uns nicht motivieren, geschweige denn uns was beibringen wollen. The Wall in Game of Thrones is ein Witz gegen die Welle an Unlust, die einem da entgegen schlägt.

Und alles läuft so wahnsinnig stockend. Jetzt gerade (also das war heute morgen im Unterricht, als ich das, alter Poet der ich bin, in mein Notizbuch gekritzelt habe) bearbeiten wir seit einer halben Stunde einen (!) Absatz von 9 Zeilen. Alexandra hat ihn vorgelesen, wir haben die Vokabeln geklärt, wir haben den Inhalt besprochen, wir haben uns überlegt, wie man den Absatz (die Einleitung!) benennen könnte, wir haben weitere Verständnisfragen geklärt. Und jetzt gerade liest jeder einzelne von uns, heute sind wir sieben Leute, die paar Zeilen nacheinander vor. Also wenn ICH mich schon langweile…

(Im Bild: Die Todesschulbänke der Verdammnis.)

Aber Alexandra sitzt da mit einer Engelsgeduld und überlegt sich für jeden von uns auch nochmal extra Fragen zum Text!
Und dabei läuft’s noch ganz gut heute – abgesehen von der allgemeinen Lustlosigkeit und Schläfrigkeit – alle arbeiten relativ fokussiert mit. Und Alexandra meinte zu Beginn auch gleich, es sei kein Problem, wenn wir heute keine Lust hätten, nach zwei Wochen in einem fremden Land, das sei psychologisch erwiesen, da habe man einen Kulturschock und alles nerve einen. Gestern dagegen, da sind wir richtig auf Hochtouren gewesen, da herrschte ein Level an allgemeiner Albernheit, das ist schon fast nicht mehr darstellbar!

Wir sind hier nicht nur rein äußerlich in die Schule zurück versetzt worden, auch im Kopf! Alte, beinahe vergessene Mechanismen kommen aus den hinterletzten dunklen Ecken wieder nach vorne gekrochen: Vorsagen und Spickzettel zum Beispiel. Oder das alte Spiel “Klasse-gegen-Lehrer”:

Kaum hatte Alexandra gestern angekündigt, dass wir am Ende der dritten (letzten) Stunde zusammen mit der ungarischen Gruppe “Katjuscha” singen würden, war klar, dass wir nur noch singen und uns nicht mit Vokabeln wir Todgeburt und Nachkommenschaft abmühen wollten. Anfängerfehler. Stümper. – Achso, ja, wir sprechen gerade über die Unterschiede von Männern und Frauen, da sind solche Vokabeln essenziell.

Leider hat ein solches Thema aber auch ein gewisses Potenzial zur Aufmüpfigkeit. Meinst du im Ernst, du kannst dein Unterrichtsprogramm durchsetzen, wenn im Lehrbuch gefragt wird, worin die grundlegenden Unterschiede zwischen Männern und Frauen liegen und im Kurs sitzen nicht nur eine Gender-Studies-Studentin, sondern auch zwei Mädchen, die bei den Demos für die Pussy-Riot-Aktivistinnen waren? Hm.

Aber eigentlich auch egal, wir schaffen es bei jedem Thema Alexandra in abwegige Diskussionen zu verwickeln, ich zähle hier mal in unsortierter Abfolge einige der Ideen auf, die wir gestern spannender fanden als Alexandras Vorschläge: Kollaborateure (mit Verweis auf die Wlassow-Armee), Katjuscha-Raketenwerfer, sprechende Schneemänner, Arbeitsbedingungen von Engel(müttern) und die unbefleckte Empfängnis bei selbigen.

Aber unbeharrlich kommt Alexandra dann immer wieder zum Thema zurück: Und, was denkst du, wie könnte man diesen Absatz zusammenfassen?

Wann gongt’s nochmal?

(Nachtrag: In der zweiten Stunde hatten wir dann Singstunde mit einer Verrückten, bei der alle Lieder gleich klangen und zu hoch und zu schnell langsam gesungen werden mussten. Und in der dritten Stunde waren wir nur noch zu viert aber dafür haben wir den Text zu Ende gelesen und wissen jetzt nicht nur, dass Frauenhaare 5mal mehr Gold enthalten als Männerhaare, sondern auch dass beim Lesen Männer nur einen winzigen Teil ihres Gehirns benutzen und Frauen sämtliche Kapazität einsetzen. Nächste Woche machen wir dann Partizipien.)

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One Response to “Dein güldenes Haar, Alexandra.”

  1. Frage: Gibt es im Curriculum für Russischkurse in Russland zwei Klauseln die da lauten:

    1. Den Studenten möge ein Vokabular vermittelt werden, das so weit wie möglich von der Alltagssprache entfernt ist, so dass sie nicht in der Lage sein mögen, sich mit “dem gemeinen Russen” zu unterhalten

    2. Den Studenten möge ein Vokabular vermittelt werden, dass traditionelle Geschlechterbilder perpetuiert.

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