Einkaufen in Moskau, das ist Kampf. Ich habe Jelena Wladimirowna gefragt, warum die alten Leute im Supermarkt so aggro sind und sie meint, das liegt daran, dass die Läden früher leer waren.

Ok, mag sein. Nehmen wir die naheliegendste und daher einfachste Erklärung: Die Sowjetunion war eine Mangelgesellschaft, auch in den Zeiten, in denen es den Menschen vergleichsweise besser ging. Wenn es was zu kaufen gab, dann musste man schnell sein und man musste sich durchsetzen. Wenn es nichts zu kaufen gab, musste man sich die notwendigen Dinge anderweitig besorgen und auf die unnötigen verzichten.

Die 90er Jahre waren dann auch kein Zuckerschlecken, als der lang ersehnte Kapitalismus kam und man sich trotzdem nichts kaufen konnte, weil das Geld plötzlich nichts mehr wert war, oder man keins bekam.

Jetzt mal ganz grob und knapp und oberflächlich gesprochen. Historiker-Klugscheißer-Modus aus.

Ich kann also nachvollziehen, dass sich da gewisse Verhaltensmuster festsetzen, die man schlicht als dreist und unverschämt bezeichnen muss. Ein Beispiel aus dem wahren Leben:

Sandra steht vor dem Nudelregal. Weil ich am liebsten Penne esse, hab ich die gesucht. Das war aber schon zu viel des Guten, denn in der Zwischenzeit hat mein Einkaufswagen für etwa 20 Sekunden (ich bin ja fix) den Gang blockiert, denn da standen, wie auch in allen anderen, diverse Paletten und Kisten mit noch einzuräumender Ware rum und es war tatsächlich ein wenig schmal.

Kommt diese Oma an und schreit mich voll an: Hey Mädchen, geh weiter! (Dewuschka, poechali!) Ich in aller Unschuld schiebe meinen Wagen hastig zur Seite, damit sie durchkommt. Sie redet weiter auf mich ein – hier beginnt der Teil, den ich nicht mehr verstanden habe – und gestikuliert wild, dass sie nicht durchkommt. Absurd. Einfach nur absurd.

(K.: Brot für einsame Russen.)

Ich bin ja generell ein friedliebender Mensch, der auch wenn er von der Seite zu Unrecht dumm angemacht wird Ruhe bewahrt… NICHT. Also hab ich mich erdreistet ihr ein “Was willst du?” (“Nu?!”) entgegen zu schleudern. Ohoh. Fehler. War sie vorher schon wütend, gings jetzt erst richtig los. Aber ich bin dann einfach weg.

Jelena hat außerdem gesagt, dass die alten Leute frustriert sind, weil sie sich nichts leisten können. Außer vielleicht Kartoffeln, die kosten bei Auchan ungefähr 30 Cent das Kilo.

Überhaupt Auchan: Den haben wir erst bei diesem Aufenthalt für uns entdeckt, so eine Schande. Da ist alles viel günstiger. Aber wer jetzt denkt: “Ach Auchan, Mensch ja, klar, kenn ich ja aus Frankreich!” Nenenene. Es scheint nur so. Von innen isses Russland. Es gibt aber jede Menge europäische Marken zum erschwinglichen Preis, das ist schön, da schlägt unser konservatives Konsumerherz höher: Nivea! Kraft! Kinderschokolade!

Es gibt aber zum Beispiel auch die Obst- und Gemüse-“Abteilung” aka die Kesselschlacht, wo man sich aus riesigen Kisten Früchte jeglicher Art zusammen klauben kann, die von EU-Standards, wie z.B. dem beliebten Krümmungswinkel von Salatgurken, wie K. zurecht festgestellt hat, weitestgehend unberührt geblieben sind. Und dann wollen all diese Köstlichkeiten ja auch noch abgewogen werden… doomed. Denn das Bedienen einer solchen Waage, sprich das Drücken der entsprechenden Taste, auf der die zu kaufende Ware abgebildet ist bzw. die dazugehörige Nummer genannt wird, das kann manchmal schon zu viel verlangt sein.

Zurück zu den alten Leuten. Da sind nämlich so ca. 80 Prozent Einkaufenden. Alte Leute. Die haben eben Zeit. Die jungen essen wahrscheinlich echt nur bei Mu-Mu oder Makdak (Mc Donalds). Wie auch immer.

Die jedenfalls, Frustration hin oder her, haben wirklich kein Recht dazu mich kontinuierlich anzukeifen, anzumeckern, anzuschreien und mich mit ihren verdammten Einkaufswagen zu rammen. Da kommt bei mir Frust auf. Und ich bin jung, ich bin schnell und wenn ich sauer werde, dann sind mir auch Lesebrillen und Hörgeräte kein Hindernis. Wollte ich mal gesagt haben, damits hinterher nicht wieder heißt, ich hätte euch nicht gewarnt.

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