Die eigenen Seltsamkeiten werden einem ja meist erst bewusst, wenn aufmerksamen und/oder besorgten Mitmenschen die Geduld ausgeht und sie dann wahlweise charmant oder entnervt darauf hinweisen. Wenn nun aber eben diese Mitmenschen jegliche Objektivität verloren haben, weil sie nicht nur gleichfalls völlig seltsam, sondern aufgrund ständigen Zeit-miteinander-Verbringens absolut voreingenommen sind, dann ist das ein Teufelskreis.

Dass B. und ich, wenn wir gemeinsam auftreten eine gewisse Situationskomik entwickeln, das dürfte den Wenigsten entgangen sein. Und manchmal singen wir auch unmotiviert vor uns hin.

Und jetzt nehmt mal diese Ausgangssituation und denkt euch vier Wochen Puschkin-Institut dazu.

Mit “Katjuscha” hat alles angefangen: Alexandra und die Lehrerin der ungarischen Gruppe haben sich früher ein Wohnheim-Zimmer geteilt und beschlossen, dass beide Kurse zusammen “Katjuscha” singen könnten. Und die andere Lehrerin spielte dazu auf dem Akkordeon. Es war ein Heidenspaß!

Und seither singen wir!

Also immer. Weil die Katjuscha-Kooperation Allen so gut gefallen hat, ging also ein Gebot von Natascha, unserer Admistrations-Frau aus, dass alle deutschen Gruppen singen sollten. Und so begab es sich also, dass wir jeden Donnerstag sangen. Oh yeah! Die Musiklehrerin ist zwar, wie das wohl alle Musiklehrerinnen auf der ganzen Welt sind, ein bisschen durchgeknallt und überenthusiastisch, aber was für ein Spaß!

Wir haben unterdessen etwa 15 russische “klassische” Volkslieder gelernt, wobei diese Kategorie nicht sehr restriktiv zu verstehen ist. Als Volkslieder qualifizieren sich auch bekannte Lieder aus Funk und Fernsehen der letzte 50 Jahre. Ich sag nur Alla Pugatschowa…

Entscheidendes gemeinsames Merkmal ist, dass generell alle Lieder sehr hoch und in getragenem Ton gesungen werden müssen, Zitat: “Frauenstimmen sind so hoch – und Katjuscha habt ihr ja auch gesungen!” Na toll. Ich brumm dann mal irgendwo ein paar Oktaven tiefer, wenn’s ok ist.

Ich habe zudem den berechtigten Verdacht, dass das einheitlich langsame Tempo, in dem wir singen sollten, weniger an den Kompositionen als vielmehr daran lag, dass die Musiklehrerin einfach nicht schneller Klavier spielen konnte. Manchmal haben wir dann einfach willkürlich schneller gesungen, das hat vermutlich nicht zur Qualität des Dargebotenen beigetragen.

Man kann jedoch mit Fug und Recht behaupten, dass wir jetzt nicht nur die Lieblingsklasse aller Zeiten sind, sondern dass wir uns auch institutsintern einen gewissen Ruf ersungen haben. Folgende Episoden mögen dies unterstreichen:

C., F. und die Autorin dieser Zeilen lungerten auf dem Flur rum und warteten auf Alexandra. Spontan beschlossen wir, das in der Stunde zuvor gelernte Lied “Milinki ti moj” anzustimmen. Dies wiederum lockte nicht nur Mit-Studenten aus Potsdam an, die, so hört man, weniger begeistert an ihren Singstunden teilnahmen, als wir, sondern auch deren Lehrer. Plötzlich steht ein älterer Mann mit Stock vor uns und fragt uns, was das hier soll und lotst uns in sein Klassenzimmer. Und von Süßigkeiten war keine Rede! Wir möchten doch nun bitte nochmals für seine Studenten (besagte Potsdamer) unser Lied wiederholen. Öhm. Seriously?! Aber: Okay!

Als wir zwei Alibi-Strophen später wieder raus durften, hatten sich vor der Tür noch mehr Fans eingefunden. Wie toll wir doch singen und wie schön, dass uns die russischen Lieder so gefallen!

Und dann waren B., K. und ich vor ein paar Tagen in der Buchgalterija um uns einen der 20.000 benötigten Stempel abzuholen, ohne die wir hier nicht rausgelassen werden:

“Jaja blabla, der Chef ist nicht da, keine Ahnung wann er wieder kommt, ihr müsst warten.” Fast schon unbewusst haben wir dann mal wieder “Milenki ti moj” gesungen. Und plötzlich sangen die da Alle mit! Und noch plötzlicher war es überhaupt kein Problem mehr, dass eigentlich ja nur der Chef unterschreiben konnte, ne, ach was, hier komm, gebt mir eure Zettel mal! Habt ihr die Quittung noch dabei? Nein? Auch nicht schlimm, Stempel, Unterschrift. Und noch eine Strophe. Zeichen und Wunder und Gesang, Freunde!

(Unser Musik-Klassenzimmer…)

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