„Die Hälfte der Leute hat mit ihren Smartphones gespielt – früher hätten sie „Scheiße“ gerufen, jetzt wird man – noch schlimmer – mit Nichtbeachtung gestraft.“ (B.)

Es muss so 2008 gewesen sein, als S. meinen Freundinnen M., K. und mir vorschlug, ihn zu einem Konzert irgendwo am Alex zu begleiten. Es gäbe da eine blaue Treppe, die müsse man hoch gehen und dann sei man quasi schon da. Die Idee klang gut. Wir fanden die blaue Treppe und auch die am Ende der Treppe gelegene Location – eine Galerie mit großartigem Ausblick auf die Karl-Liebknecht-Straße. Das Konzert entpuppte sich dann als Performance einer belgischen Künstlerin, die auf Plastik-Enten und ähnlichen Gegenständen Musik machte. Ich weiß nicht mehr ganz genau, wie das funktionierte, es war irgendwie elektronisch und am Ende des Abends sagte S. er werde nun in Zukunft nicht mehr mit uns dreien zusammen weggehen. (Update: Diese Aussage ist umstritten. Die hier zitierte Version hat meine lückenhafte Erinnerung zur Grundlage. [Theoretische Grundlagenliteraturnachweise zum Konzept der Erinnerung reiche ich bei Interesse gerne nach.])

Es war letzten Freitag, als B. seiner Freundin K. und mir vorschlug, ihn zu einer Electro-Performance irgendwo am Alex zu begleiten. Er habe in einem Blog, den er sehr schätze, davon gelesen und es verspreche gut zu werden. Da wir im Anschluss an die Absolventenverabschiedung im HU Hauptgebäude nicht nur sowieso quasi um die Ecke, sondern so früh am Abend auch in Ermangelung alternativer Pläne waren, klang die Idee gut. Schon als wir die blaue Treppe hoch gingen, kam die Erinnerung an jenen weit zurück liegenden Abend hoch und ich berichtete gleich ganz begeistert von diesem so absurden Konzert und wie wir damals inmitten der versammelten Berlin-Mitte-Hipster-Gesellschaft irgendwie nicht so ganz verstanden hatten, was das sollte. B., K. und ich, wir lachten.

Dann begann die Veranstaltung.

In einer Keynote-Lecture wurden aktuelle Entwicklungen, historische Hintergründe und zukünftige Anwendungsmöglichkeiten im Bereich der so genannten human-computer interaction vorgestellt. Das war wirklich sehr gut und sehr spannend. Die Vorstellung, dass es in Zukunft möglich sein wird, ohne ein Gerät in die Hand nehmen zu müssen, zu telefonieren, oder die Aussicht, den Kofferraum eines Autos durch ein Fingerzucken zu öffnen, weil man gerade beide Hände voll hat – ganz schön cool.

Nicht so cool: Die weitergedachte Idee, dass es dann in absehbarer Zeit auch möglich sein könnte, diese Handlungen und mehr allein durch Gedanken zu kontrollieren. Denn die Idee, dass ich – ohne je Klavier spielen gelernt zu haben – Stücke nachspielen kann, weil ich mir die entsprechende Software lade und dann meine Hände die Bewegungen ausführen, oder die Möglichkeit, zuhause Szenen aus meinem Lieblingsfilm nachzutanzen sind ja ganz lustig, aber denkt man mal weiter, dann hieße das doch auch, dass es irgendwann möglich sein könnte, dass ich „Kraft meiner Gedanken“ andere Menschen dazu bringen kann sich mitten in der U-Bahn auszuziehen oder ähnliches. Hm.

Dann kamen die Performances.

Und die Belgierin mit den Plastikenten schien plötzlich gar nicht mehr so seltsam. Wir hörten Musik auf der Grundlage von EKG-Strömungen, Oszillatoren und Muskel-Ultrasounds. Zwischenzeitlich hatte ich den Gedanken, dass sich – unter anderen Umständen – niemand eine Viertelstunde lang Störtöne, wie sie zum Beispiel entstehen, wenn man ein Handy zu nahe an einen Lautsprecher hält, angehört hätte. In Kombination mit einer stark an die Möglichkeiten des Windows-Media-Players (ca. 1998) erinnernden Visualierung.

Ein uns nicht näher bekannter junger Mann hatte fast schon prophetisch die Frage in den Raum gestellt ob man dies denn noch Musik nennen könne. Ich weiß es nicht. Kunst auf jeden Fall, dafür sprachen schon die andächtigen Mienen der versammelten Berlin-Mitte-Hipster-Gesellschaft. Vier Jahre später und ich bin da immer noch nicht angekommen.

Später am Abend war ich mit T. in der Odessa-Bar und habe dem Barkeeper, dem ständig die Haare in die Stirn fielen, eine Haarspange geschenkt.

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One Response to “Performances in Mitte.”

  1. Ich? Zitiert in ein ViertelLeben? Das ist der Ritterschlag auf den ich so lange gewartet habe. :o)

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