Ich mache Dinge gerne so, wie sie gemacht werden sollen. Also im öffentlichen Leben: Ich fahre nicht ohne Ticket mit dem Zug, ich stehe rechts auf der Rolltreppe und ich warte an roten Ampeln, wenn Kinder in der Nähe sind. (Wenn keine Kinder da sind nicht, stimmt. Das ist reine Schikane.) Wenn ich mal zufällig meine Fahrradlichter vergessen habe und bei Dunkelheit an einem Polizeiauto vorbei komme, dann steige ich auch gerne mal ab und schiebe ein paar Meter. Man könnte sagen, ich halte mich gerne an Regeln. Das ist so aber auch nicht richtig. Ich finde Regeln (oder worauf es ja meistens hinaus läuft: Verbote) nicht irgendwie geil und mich dann ganz super, weil ich mich daran halte. Irgendwie hab ich eben einfach Schiss, dass ich erwischt werde oder dass Leute schlecht von mir denken. Was auch immer das jetzt über mich aussagen mag.

Als Tourist in Moskau gibt es jede Menge Regeln und Vorschriften, manche offiziell, andere inoffiziell, die man kennen sollte. Ein Beispiel: Als ich 2010 das erste Mal hier war, hat man uns ermahnt, dass wir immer unseren Reisepass mit uns tragen sollen und dass wir – ganz wichtig – wenn uns die Polizei anhält, ihnen diesen Pass nicht und auch kein Geld geben, sondern uns auf die deutsche  Botschaft berufen sollen. Warum auch immer einem die Polizei anhalten wollen sollte. Der Pass alleine reicht aber noch nicht. Zusätzlich hat man zu jeder Zeit die so genannte “Immigrationskarte”, einen Zettel, auf dem am Flughafen, zusätzlich zum abgestempelten Visum, vermerkt wird, wann und wo man eingereist ist und außerdem die so genannte “Registrazija”, den Nachweis, wo in Russland man sich tatsächlich gerade aufhält, mit sich herum zu tragen. Drei verschiede Dokumente also, zwei davon Miniblätter, die aber beide, so wurde uns gesagt, unglaublich wichtig sind: Wer ohne Registrazija von der Polizei angehalten wird, hat ein Problem und wer ohne Immigrationszettel wieder ausreisen will, hat ebenfalls ein Problem. Paranoides Verhalten wird hier auf jeden Fall unterstützt und generell gilt sowieso, je mehr abgestempeltes Papier im Spiel ist und je schwieriger es zu erhalten ist und je schlimmer die Konsequenzen sind, wenn man es verliert, desto besser.

Den Pass immer dabei zu haben, das ist tatsächlich wichtig, denn man muss ihn bei den unterschiedlichsten Gelegenheiten vorzeigen. Aber natürlich fragt einen nie jemand nach der Registrazija – und doch braucht man sie, denn: “Das Fehlen einer Registrierung lässt es nicht zu, dass Sie bestimmte rechtliche Dienste nutzen und kann, was sogar unangenehmer ist, der Grund für eine Strafe und Ihre Verhaftung durch die Police sein.” (Отсутствие регистрации не позволит Вам производить определенные правовые действия и, что более неприятно, может быть причиной штрафа и задержания Вас полицией.) Genau dieses “sogar noch unangenehmer” ist der Grund, weshalb ich mich auf jeden Fall registrieren wollte – ich bin für paranoide Gedankenspiele nach dem Motto die-Polizei-wird-mich-anhalten-und-ich-werde-ausgewiesen-werden sehr empfänglich.

Weil dieses Mal alles anders ist und es dieses Mal keine Muttis und Sprachinstitute gibt, die unangenehme Behördengänge für mich übernehmen, habe ich mich – zugegebenermaßen tatsächlich auch mit einer gewissen Neugierde und einem Funken Abenteuerlust – in den Verordnungsdschungel gestürzt. Bereits beim Eintippen der Begriffe “регистрация в россии иностранных граждан” (Registrierung in Russland für ausländische Staatsbürger) liefert Google dankenswerterweise die Ergänzung “на почте” (auf der Post) gleich mit, so dass ich nicht lange suchen musste und die nächste Postfiliale lag glücklicherweise auf meinem Weg zu Metro. Fest entschlossen, mich nun also selbstständig zu registrieren, trat ich dort schwungvoll ein und fragte den mir zur Hilfe eilenden Security-Mann, ob das denn hier möglich sei. Er händigte mir hilfsbereit ein Formular aus, das dann am Schalter abzugeben sei. In diesem Moment hätte ich ahnen müssen, dass es nicht so einfach sein kann, aber – noch so eine Charaktereigenschaft – ich glaube gerne daran, dass andere Menschen mir erstmal nichts Böses wollen. Es endete damit, dass ich wutentbrannt aus der Post stürmte, was leider dadurch an Effekt eingebüßt hat, dass ich meinen wirklich sehr schweren Koffer hinter mir her zerrte. Wenn ich eins nicht leiden kann, dann von Fremden grundlos angeschrien zu werden. Meckern, Schimpfen, Beschimpfen und meinetwegen auch stumpfes Ignorieren – damit komme ich klar, aber als die Post-Oma mich nicht nur nicht ausreden lassen hat, sondern mir eine Reihe von “Нет”s entgegen schleuderte, weg lief, zurück kam um mir nochmals, noch lauter, ein “ich kann nichts machen, keine Fragen, nein” an den Kopf zu werfen, da wusste ich wieder, wo ich war und dass die Menschen hier eben erstmal nicht dein Bestes wollen. B., der die ersten Frustphasen schon hinter sich hat, gab mir unterdessen den guten Rat, beim nächsten Mal einfach zurück zu schreien, auf Deutsch.

Es war also doch nicht so einfach, wie ich dachte, denn, so lautete die Information, die ich meinte dem Geschrei entnommen zu haben, “deine Freundin muss mitkommen um dich zu registrieren”. Ich habe mir dann das Formular genauer angeschaut und festgestellt, dass die Daten meines Gastgebers inklusive Passnummer und Unterschrift ergänzt werden mussten. Stempel auch, wenn vorhanden. Gesagt getan. Mit dem neu ausgefüllten Formular bin ich zwei Tage später zur Post hier um die Ecke. Nach 10 Minuten anstehen dann die entnervte Reaktion der Post-Oma: Registrieren ist hier nicht möglich, das geht nur in größeren Filialen, zwei Straßen weiter ist eine. Zwei Straßen weiter wies mich die nächste Post-Oma dann darauf hin, dass ich mich selbst überhaupt nicht registrieren könne, das müsse der Gastgeber für den Gast übernehmen. Mittlerweile war ich schon etwas abgestumpft und nahm mir einen anderen Rat zu Herzen und suchte mir eine neue, noch größere Postfiliale, denn, eine generell gilt für das tägliche Überleben hier: Nur weil man dir sagt, dass es nicht möglich ist, heißt das nicht, dass es tatsächlich nicht möglich ist.

Mich so von Postfiliale zu Postfiliale hangelnd nahm sich im zentralen Telegrafenamt endlich eine barmherzige Seele meiner an. Die vermutlich netteste Post-Angestellte von ganz Moskau erklärte mir mit Engelsgeduld wie ich das Formular richtig ausfüllen und welche Unterlagen ich beifügen sollte (Kopien meines Passes und des Passes meiner Freundin, das Formular in doppelter Ausführung, dazu eine Anweisung über den Inhalt des Umschlages, in den das Ganze zu stecken war, nebst 180 Rubel). Alle diese Informationen habe ich in dem Moment zum ersten Mal gehört, aber vor überraschter Freude über so viel Hilfsbereitschaft blieb keine Gelegenheit mich über das Verhalten der Post-Omas in den anderen drei Filialen zu ärgern. Leider stellte sich dann, nachdem all das geklärt worden war, heraus, dass die Post gar nicht die richtige Anlaufstelle für mich ist.

Unterdessen hatten sich verschiedene andere Personen eingefunden, die ebenfalls Registrierungen durchführen wollten. Heinz, ca. 55 (Name der Redaktion nicht bekannt), aus Augsburg, der hier seine Freundin für 2,5 Wochen besucht, gab mir den Hinweis, dass die Formulare auf Kyrillisch auszufüllen seien, seine Freundin war etwas wortkarger und speiste mich mit einem “he talk English” ab. Dafür nahm mich die nette Dame, die nach mir gekommen war, unter ihre Fittiche und schaffte es, dass die Post-Frau, obwohl sie eigentlich schon festgestellt hatte, dass sie die Regeln nicht erfunden hat und sie daher auch nicht ändern kann, ihr schlaues Buch zu Rate zog. Die beiden einigten sich dann darauf, mich zu einer ominösen Einrichtung namens УФМС zu schicken. Dahinter verbirgt sich die Behörde, die für die Registrierung von ausländischen Staatsbürgern zuständig ist, die das Tagesgeschäft aber offenbar an die Russische Post ausgelagert hat. УФМС ist – es gibt immer einen Lichtblick – zufälligerweise direkt bei mir um die Ecke ansässig. Jedoch: Der auch wieder ausgesprochen freundliche Milizionär schüttelte nur bedauernd den Kopf und gab mir mehr oder weniger zu verstehen, dass es jetzt wohl an der Zeit sei, eine kreative, oder wie J. zurecht sagte, eine “russische” Lösung zu suchen: “Ja, Sie brauchen eine Registrazija. Nein, ich weiß nicht, wie sie das machen sollen.” Ich habe fast angefangen zu weinen.

Ich mache Dinge gerne so, wie sie gemacht werden sollen. Trotzdem habe ich jetzt eine Registrazija.

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