Es klangt verlockend: Eine Exkursion inklusive Schifffahrt auf der Wolga! B., ich und ein ganzer Reisebus voller Japaner verbrachten das Wochenende in Twer, etwa 3 Stunden nördlich von Moskau. Es war großartig!

Dank völliger Ahnungslosigkeit stolperten wir mitten in ein groß angelegtes internationales Austauschprojekt, das von vorne bis hinten perfekt durchorganisiert war. Bereits bei der Vorstellungsrunde wurde jedoch offensichtlich, dass wir beiden seltsamen Deutschen, die da irgendwie in dieser Gruppe Japaner gelandet waren, trotz deren eigentlich exotischerem Status den größten Teil des allgemeinen Interesses auf uns ziehen würden. Die Japaner sprachen nämlich nicht viel und wenn dann sehr leise. Beides kann man von B. und mir nicht behaupten. Es gab Tee und Lebkuchen und Daniel, der uns erklären sollte, wie das denn jetzt geht mit dem Tee und den Lebkuchen, der aber lieber in seinen Becher murmelte und Dima, der B. im Anschluss eine Plastiktüte voll Lebkuchen in die Hand drückte, “weil sie euch so gut geschmeckt haben”.


Es folgte eine Tanzstunde. Ja, genau. So wie früher. Mädchen und Jungs stellen sich gegenüber auf und dann geht das Kichern los. Die Gastgeber hatten sich umgezogen und trugen jetzt traditionelle Kostüme. Die Tracht in Twer ist in den Farben weiß und rot gehalten, das wussten wir schon, denn wir waren zuvor schon im Heimatkundemuseum gewesen. Dort gab es zur Begrüßung Brot und Salz und Kwass, ein Getränk, das aus Brot gemacht wird. Dass Ajami, die kleine Japanerin mit der Brille, Kwass eher so mittelgut fand, konnte man daraus schließen, dass sie den absolut besten “uuuääähhhh”-Laut aller Zeiten von sich gab. Zurück zur Tanzstunde. Die völlige Albernheit, die nach dem Erlernen von ein, zwei Tanzschritten vorherrschte, wurde noch gesteigert, durch eine Runde Reise-nach-Jerusalem. Mitten im prächtigsten Saal der Uni von Twer rannten etwa 15 Leute im Kreis um Stühle herum und schubsten, rempelten und schoben sich gegenseitig durch die Gegend. Und am Ende gewinnen immer die Deutschen. Also ich. Dass es dazu kommen würde, war meinerseits und auch von den Anwesenden, die mich kannten (B.) nie wirklich angezweifelt worden. Trotzdem immer wieder schön.


Dann endlich, nachdem ich Ruhm und Ehre und jede Menge neue Freunde gewonnen hatte, folgte die groß angekündigte Schifffahrt. Es ist mir immer noch schleierhaft, wieso ich nicht misstrauischer war. Denn natürlich handelte es sich nicht um eine Schifffahrt mit Lautsprecherbespaßung, wie man das von der Spree kennt (“Da vorne sehen Sie das Kanzleramt, der Berliner nennt es scherzhaft ‘die Waschmaschine’…” Nein. Tut er nicht.), sondern um eine fröhliche Open-Air-Veranstaltung wie wir sie einst im Märzwind in Budapest genießen durften, bevor wir dann tagelang krank waren. Einschub: Nicht nur, dass es sehr viel regnet, die Temperaturen bewegen sich momentan im Bereich zwischen 8 und 14 Grad. Weder habe ich ausreichend warme Kleidung mitgenommen, noch bin ich mental auf Winter eingestellt. Aber es ist ja auch noch nicht Winter, es liegt kein Schnee und man kann ohne Mütze raus gehen… Also kann man auch auf einem Schiff mit offenem Deck über die Wolga kreuzen. Der einzige Nachteil: Ja, es gibt hier eine Fischfabrik, ja es stinkt “manchmal” ein “bisschen”.


Ich hatte mitbekommen, wie Kostja von einem Club names “Sarei” (dachte ich, heißt aber “Sunrise”) sprach und die Gelegenheit gleich beim Schopf ergriffen, um das Abendprogramm klar zu machen. Im Bug des Schiffes kam es zu einem konspirativen Treffen: “Also. Niemand darf wissen, dass wir weggehen. Wir machen später beim Abendessen eine Zeit aus.” Soweit, so verständlich, immerhin handelte es sich um eine offizielle Uni-Veranstaltung. Später dann allerdings wurde klar, dass Kostja offenbar ein wenig besorgt um unsere Sicherheit war. Auf dem Weg zum “Sunrise” (21.30 Uhr) schärfte er mir die Verhaltensregeln für den Abend ein: Ich solle mit niemandem sprechen und wenn ich doch angesprochen würde, sollte ich ihn oder Anja oder Jelena für mich antworten lassen. Ich wurde ein wenig rebellisch und fragte nach, ob wir als Ausländer ein Problem darstellten. Nein, nein, beschwichtigte er mich, nur Leute aus dem Kaukasus seien ein Problem.

Das “Sunrise” war eine Mischung aus Matrix und Fritz-Club, also ein Ort, an den mich unter anderen Umständen keine sieben Pferde und auch keine noch so große Menge Alkohol bringen würde. (Keine Ahnung, wie das Matrix tatsächlich aussieht, ich war ja noch nie da.) Die “extrem lange Schlange” (ca. 15 Leute) brachte Kostja erneut fast zur Verzweiflung, aber zum Glück durften Mädchen “aus Toleranzgründen” daran vorbei und schonmal rein. 50 Rubel Eintritt. Läuft. Wo ist der Alkohol? Leichtsinnigerweise meinte ich zu Anja, ich trinke das, was du trinkst, und landete am Ende mit einer seltsamen Mischung aus Cola und Bananensirup, in die der Barman außerdem irgendeine klare Flüssigkeit gekippt hatte, die ich fälschlicherweise für Wodka hielt, die aber ganz sicher keinen Alkohol enthielt. Nun gut, dann wenigstens tanzen, ja? Auf der Tanzfläche: All die Mädchen, die schon rein gedurft hatten und die nun niemanden mit ihren Röckchen und ihren Killer-Absätzen beeindrucken konnten, auf der Bühne ein DJ und ein Typ mit einem Mikrofon, der den Rest des Abends über “Davaj, davaj!” in selbiges rufen würde, worauf man ein enthusiastisches “Oh, oh!” zu erwidern hatte. Und Laser. Überall Laser. Die Musik… sprechen wir nicht darüber. “Клуб Мюзик”…

Kostja kündigte an, dass wir gegen 4 Uhr gehen würden, da war es kurz nach zehn. Der Abend hatte Potenzial bis 22.30 Uhr. Es war jedoch ausgeschlossen, dass wir alleine nach Hause, sprich zum Hotel, gehen würden, das hatte Kostja klar gemacht, er oder eines der Mädchen würde uns begleiten und außerdem ganz sicher nicht zu Fuß, sondern unbedingt mit dem Taxi. Kostet auch nur 120 Rubel. – Wenn es nur 120 Rubel kostet, dann kann es nicht so weit sein, ein Blick auf Google-Maps bestätigte dies. Trotzdem. Da blieb Kostja hart. Aber es war ja auch erst 22.12 Uhr und es lagen noch viele Stunden Spaß vor uns.

Die Musik wurde zwar nicht besser, aber die Drinks, die ich mir dann auch irgendwann selbst bestellen durfte, enthielten Alkohol, das Publikum hatte hohen Unterhaltungswert, die Wände auf der Damentoilette waren mit rosa Plüsch gefüttert und irgendwann begannen die Spiele. Der MC bat um Freiwillige, die, Spiel 1, mit verbundenen Augen durch Ertasten Gegenstände erraten sollten. Mit dem Allerwertesten. Also indem sie sich darauf setzten. Zu gewinnen gab es eine Flasche Sekt. Ein paar Stunden später dann Spiel Nummer 2, der Schwierigkeitsgrad war gestiegen, daher durften nur Männer teilnehmen: Jeder bekam ein Shotglas mit Tequila und eine halbe Zitrone und wer als erster beides in sich hinein gestopft hatte, gewann: Ein Flasche Sekt. Der junge Mann, der gewann, aß einfach die ganze halbe Zitrone. Andererseits war er aber auch schon so betrunken, dass er die Flasche Sekt sicher an seine Horde weiblicher Bewunderer weiter gereicht hat.

Unsererseits verfielen B. und ich in alte Muster renitenten Verhaltens gegenüber unseren Aufpassern. Ob auf’s Klo oder an die Bar oder zurück auf die Tanzfläche, Anja und Jelena und Kostja (und dieser andere Typ, dessen Namen ich nicht wusste) kamen immer mit. Oder mindestens immer einer von ihnen. Es hätte ja sein können, dass wir mit jemandem sprechen. Das ist Russland. Ihr wisst nicht wie das hier ist. Erklär’s mir. Kann ich nicht. Mach einfach, was ich dir sage. – Ja. Nicht. Das sind Reflexe, ich kann nicht anders, da werde ich bockig. Ich lasse mir doch nicht von einem 20-jährigen im schimmernden Anzug erzählen, wie ich mich in einem Club, dessen Durchschnittsalter 19 ist und in dem alle Menschen nur mit sich selbst bzw. miteinander beschäftigt sind, verhalten soll. Also bitte. Der Höhepunkt der Rebellion war da, als B. und ich uns strikt weigerten, Kostja an den – sicherlich unter enormen Anstrengungen – organisierten Tisch zu folgen. “Nene, du, geh ruhig, die Musik is grade so super…!” Ähä.

Irgendwann wollten Anja und Jelena und Aljona, die unterdessen auch noch dazu gestoßen war, dann gehen – sie kippten fast aus den Latschen, es war 1 Uhr. Ob ich denn müde sei und gehen wolle. Nein, eigentlich nicht. Ja also, sie seien müde. Ja, dann sollten sie doch nach Hause gehen. Aber ob ich denn nicht mit käme? Nein? Dann, hm, also, puh. Dann geht einfach ohne mich? Bitte. Bitte geht, ihr seid müde, ich bin groß, ich war schonmal in einem Club, die Jungs sind auch noch hier. Ja, ok, also, wenn das wirklich in Ordnung sei, dann würden sie gehen, aber ich müsse versprechen, später, wenn wir zurück im Hotel seien, eine SMS zu schicken. Ja, Mama.

Irgendwann wollten dann auch B. und ich gehen. Es war aber noch nicht 4 Uhr und Kostjas Plan sah nicht vor, dass wir alleine, ohne ihn, den gefahrvollen Heimweg antreten würden. Er fing ein wenig an zu ventilieren und bestand darauf, uns ein Taxi zu rufen. Da es regnete, war das ok. Das Taxi wurde uns dann aber von zwei herumlungernden und offenbar auf genau diese Gelegenheit wartenden Typen gestohlen. Was tun? Gut, dass noch jede Menge andere Taxis vor dem Club standen. Kostja ließ uns dann auch einsteigen, aber ich musste versprechen, ihm eine SMS zu schicken, wenn wir heil im Hotel angekommen waren. Ja, Papa.

Als wir 3 Minuten Taxifahrt später im Hotel angekommen waren, habe ich Anja und Kostja jeweils geschrieben, dass wir es unversehrt geschafft haben. Und dann haben wir uns im 24h-Bistro erstmal eine fette Platte Schrimps bestellt, der Abend war ja noch jung und die besten Gespräche führt man sowieso um 3 Uhr morgens und bei Bier. Am nächsten Tag trafen sich alle wieder zur großen Stadtführung, 3 Stunden bei Dauerregen. Anja und Jelena waren ein wenig fertig, Kostja tauchte gar nicht und Aljona mit großer Verspätung auf. Da wir ja nicht sagen durften, dass wir mit ihnen tanzen gewesen waren, stieg unser Ansehen bei den Anderen (Russen und Japaner) noch zusätzlich dadurch, dass die nun dachten, wir seien alleine, auf eigene Faust durch die Nacht von Twer gezogen.

Auf dem Rückweg im Bus wurde uns mal wieder klar, dass wir von Russland noch so gut wie nichts gesehen haben. Twer liegt nur 170 km von Moskau entfernt und ist schon eine vollkommen andere Welt, trotz vkontakti (russisches Facebook) und Facebook und amerikanischer Serien.

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One Response to “Tanzen gehen mit Mama und Papa.”

  1. Yeah, thats russia! 🙂 klingt gut nach ein zwei dosen jaguar

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