Sep 242012

In München hat das Oktoberfest begonnen und in Moskau war Deutsches Weinfest in der Deutschen Botschaft. Eine herrlich deutsche Angelegenheit, die wir uns natürlich nicht entgehen lassen durften.

2012/13 ist Deutsches Jahr in Russland und umgekehrt Russisches Jahr in Deutschland. Keine Sorge, wenn ihr das nicht wusstet, ich wusste es auch nicht, bis ich hier an allen Ecken und Enden darüber gestolpert bin. Glückwunsch erstmal an die Öffentlichkeitsarbeit von deutscher Seite her. Die Ausgangslage ist aber auch günstig: Alles, was aus Deutschland kommt (sichtbar durch den Aufdruck von wahlweise schwarzrotgoldenen Flaggen oder indem die Aufschrift in lateinischen Buchstaben belassen wird), wird hier erstmal extremst positiv bewertet. Media Markt, deren Sortiment zu großen Teilen aus asiatischen Elektroartikeln besteht, wirbt hier zum Beispiel mit dem Slogan “фантастиш маркт” (fantastischer Markt).

Im Rahmen dieses deutsch-russischen Jahres war neulich ein Festival im Gorky-Park, bei dem Jan Delay und auch MC Andi mit seiner Band Irie Révoltés spielten. Großartig! Am besten gefallen hat mir und dem restlichen Publikum (neben den grandiosen Bands natürlich) der Auftritt des russischen Dolmetschers Lew. Zu behaupten, er hatte Schwierigkeiten, ist ein wenig untertrieben – spätestens als das Publikum die richtige Übersetzung zurück brüllte hatte auch er das dann vermutlich verstanden. Aber, wie Jan Delay feststellte: Es waren sowieso fast nur Leute da, die ihn eh auch auf deutsch verstanden. Und die restlichen fünf Russen waren Scooter-Fans.

Das Weinfest bot dann gestern endlich mal die Gelegenheit die Deutsche Botschaft zu besuchen. Es handelt sich dabei um einen Flachbau im Stil des Bundespräsidentenamts oder ähnlicher Prachtbauten aus den späten 1960er, frühen 1970er Jahren. Inklusive deutscher Gullideckel!

Bereits an der Pforte legte ich alle Zurückhaltung ab und begrüßte den Wachmann mit einem fröhlichen “Wir wollen zum Deutschen Weinfest” – ich weiß nicht, ob er deutsch sprach. Der Security an der Sicherheitsschleuse war Russe und sprach, wie alle Securities, nicht viel. “Сумка” (Handtasche). “Приходите” (Gehen Sie weiter.) Ok. Wo ist der Wein?

Das Weinfest hatte schon am Freitag angefangen, wir waren aber erst am späten Sonntag Nachmittag da – es mag sein, dass die Tage zuvor mehr los war. Als B. und ich die heiligen Hallen betraten war eher Firmenfestathmosphäre. Auf der Bühne spielte eine Jazz-Band, begleitet von einer Sängerinnenstimme aus dem Laptop, die versammelten Gäste saßen auf Bierbänken, Kinder rannten mit geschminkten Gesichtern und mit Luftballon-“Tieren” (hauptsächlich in Penis-Form, soviel Albernheit sei an dieser Stelle erlaubt) durch die Gegend. Wo ist der Wein?

Es gab ein Bon-System. An diesem Bon-System scheiterten die russischen Angestellten ein wenig. Unverständlicherweise. Am Eingang stand ein Tisch, auf diesem Tisch lagen verschiedene Listen aus. Eine russische Liste mit dem Essensangebot und eine deutsche Liste mit nach Anbauregionen sortierten Weinen. Die Weine waren nochmals in vier Farben unterteilt, je nach Güte und Preis. Es gab ein Glas Wein für 100 Rubel, für 200, 300 oder 400 Rubel. Zu jeder Preisklasse gab es einen Bon in der entsprechenden Farbe. Die Essenspreise bewegten sich zwischen 50 und 250 Rubel. Für 50 Rubel erhielt man im Austausch einen Bon mit dem Aufdruck “50 Cent”, wie man ihn von ähnlichen Veranstaltungen in Deutschland kennt. Für 200 Rubel erhielt man zwei “1Euro” Bons und so weiter. (Im Prinzip also ein Kurs von 1 zu 10… geschickt gemacht, Freunde). Soweit, so einfach.

Mit diesen Bons bewaffnet sollte man dann – das System ist bekannt – zu den entsprechenden Essens- bzw. Getränkeständen gehen und gegen das Gewünschte eintauschen. Beim Wein lief das so ab:

Sandra: Ich hätte gerne einen badischen Weißwein
Weinprinzessin: Lieber trocken oder halbtrocken?
Sandra: Lieber halbtrocken
Weinprinzessin: Ja also da haben wir diesen hier aus der Ortenau…
Sandra aka Klugscheißerprinzessin: Der sieht so fränkisch aus.
Weinprinzessin: Ja, wir haben da eine Ausnahmegenehmigung, dass wir den Bocksbeutel verwenden dürfen.
Sandra: Wo kommt der Wein denn genau her?
Fremder, ungefragter Mensch: Aus Deutschland.
Sandra: Ach ne. Und wo genau?
Weinprinzessin: Aus der Ortenau.
Sandra: Und wo genau?
Weinprinzessin: Aus Baden-Baden.
(Na also, war’s denn so schwer?!)

Beim zweiten Glas Wein stellte B. dann fest, dass es sinnvoller ist, sich nicht an die, Zitat, “Diademmädchen” zu wenden, sondern sich von den Einheimischen einschenken zu lassen, die machen die Gläser wenigstens schön voll. (Die hatten vermutlich, im Gegensatz zu den “Diademmädchen” nicht den Eindruck, dass 100 Rubel, sprich 2,50€ für ein Glas Wein zu wenig sei…) Das Problem mit den russischen Weinausschenkerinnen war aber, dass alles ein wenig länger dauerte:

Sandra hält den Bon hin, zeigt auf die Flasche.
Weinausschenkerin schaut den Bon an, schaut die Flasche an, schaut auf die Liste.
Sandra-das-geht-mir-hier-zu-langsam-wo-ist-mein-Wein zeigt den Wein auf der Liste.
Weinausschenkerin entziffert den Aufdruck auf der Flasche, entziffert den Ausdruck auf der Liste.
Sandra hält ihr Glas hin. (Es herrschte ein Mangel an frischen Gläsern.)
Weinausschenkerin sucht ein neues Glas.
Sandra wartet.
Weinausschenkerin kommt mit neuem Glas zurück, sieht das alte Glas, entscheidet sich für das alte Glas.

Die ganz große Verwirrung herrschte aber beim Essen. Ich hatte mich für einen Fitness-Salat (?) entschieden. Fehler. Natürlich gibt es auch in der Deutschen Botschaft in Moskau keinen Salat, der aussieht, wie ein Salat aussehen soll, sondern nur das übliche, in Mayonnaise gebadete Zeug. Augen zu und durch. Der junge Mann hinter dem Essenstand war ein wenig verwirrt. Salat also. Und was sonst? Kartoffeln? Wurst? Irgendwas? Wenigstens ein Brötchen? – Na gut, wenn’s denn sein muss. Was habt ihr denn für Brötchen? Achso, ja, richtig, das gleiche Papp-Gebäck wie auch in jeder Столовая (Kantine). Joa, dann nehme ich das weiße. Ich halte ihm meine Bons hin (laut Liste kostete ein Salat 200 Rubel, sprich zwei blaue 1-Euro-Bons. Er nimmt sich einen.

Weiter zum Süßgebäck-Stand. “Einen Apfel-, öhm, dingens, hier…” “Strudel?” “Ja, Strudel, bitte.” Ich gebe dem jungen Mann meinen grünen 50-Cent-Bon, entschließe mich dann aber, doch auch noch einen fettglänzenden Berliner zu wollen und halte im zusätzlich einen weiteren blauen 1-Euro-Bon hin. Er gibt mir den grünen 50-Cent-Bon zurück.

Ich gebe B. meinen 50-Cent-Bon, “hier, kauf dir was Schönes”. B. geht zum Wurststand und gibt dem jungen Mann am Wurststand den 50-Cent-Bon. Eine Wurst kostet 100 Rubel. Der junge Mann weiß nicht genau, wie er das deutlich machen soll. B. gibt ihm den grünen 50-Cent-Bon. Der junge Mann gibt B. eine Wurst. “Schmeckt die Wurst?” “Die hätte länger auf dem Grill bleiben müssen. Aber das war ein Elektrogrill. Ich schmecke das.” Der Senf war dafür todesscharf.

Das Ganze war ein großer Spaß!

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