Bekanntlich ist es ein wenig schwierig mit mir und den Dingen, die ich esse. Dabei ist es erstmal ganz einfach: Kein Gemüse. Kein Käse. Und dann kann man weiter sehen, dann kommen die Spezifika. Wie ich denn in Russland zurecht komme und wie es mit dem Essen aussieht ist daher eine berechtigte und oft gestellte Frage.

Wer den Roman “Alles ist erleuchtet” von Jonathan Safran Foer gelesen hat, der zwar in der Ukraine spielt, aber die Einstellung der Russen zum Essen trotzdem ganz treffend wieder gibt, weiß, dass es nicht unbedingt auf Verständnis stößt, wenn man hier mit Extrawünschen ankommt. Im Roman wird der Ich-Erzähler mit dem Unverständnis seiner Gastgeber darüber konfrontiert, dass er, als Vegetarier, es vorzieht eine Kartoffel-ohne-Alles als vollständige Mahlzeit zu sich zu nehmen. Ohne Fleisch. Und ja, Hühnchen ist auch Fleisch.

(Hähnchen. Zugegebenermaßen vom ästhetischen Standpunkt aus eher nicht so toll.)

Nun wandle ich aber nicht erst seit gestern in einer Welt der seltsamen Geschmäcker (Warum köstliches Fleisch mit Käse überbacken? Warum knackige Karotten zerkochen?) und finde doch meistens irgendetwas, das mir zusagt. Im Zweifel eben reduziert auf die so genannte “Sättigungsbeilage”, sprich Kartoffeln, Reis oder am allerliebsten natürlich Nudeln. Ohne Alles.

Allen, die sich Sorgen gemacht haben, ich könnte urplötzlich abmagern, sei versichert: Essen an sich ist in Russland absolut kein Problem. (Es folgt an dieser Stelle kein Historiker-Scherz, bitte selbst dazu denken.) Fleisch wird hier generell sehr hoch geschätzt und folgt (persönlicher Eindruck meinerseits, statistisch nicht belegt) unmittelbar auf dem zweiten Platz in der inner-russischen Köstlichkeitsskala nach капуста (Kraut. In allen Farben und Formen und Zubereitungsarten. Mir selbstverständlich völlig unverständlich.) Und zu jeder Mahlzeit gibt es aus Prinzip Brot, denn ohne Brot ist die Mahlzeit nicht vollkommen. In Restaurants zurecht zu kommen stellt daher kaum ein Problem dar. Im Zweifel weise ich die Kellnerin dezent darauf hin, dass doch bitte absolut kein Käse in meinem Salat/auf meinen Nudeln/in meiner Soße sein möge, da ich diesen wirklich also gar nicht mag. Kein Käse? Nein, wirklich nicht, ich mag ihn ganz arg nicht. Wirklich. Ja wirklich. Meistens klappt’s. Und meistens finden sich auch dankbare Abnehmer für das ganze überflüssige Gemüse im Salat/in der Soße/als Beilage.

(Brot europäischer Tradition.)

Die Schwierigkeitsstufe erhöht sich in den столоваяs (Kantinen), die es – herzlichen Dank hierfür – in fast allen öffentlichen Einrichtungen (Bibliotheken zum Beispiel!) gibt. Die zurückliegenden Aufenthalte im geliebten Puschkin-Institut haben mich in dieser Hinsicht perfekt ausgebildet: Auf unleserlichen Zetteln steht das jeweilige Tagesangebot, der Preis richtet sich nach dem Gewicht der Mahlzeit und es gibt immer макароны (Nudeln, yeah!). Das Problem besteht trotz Unattraktivität einzelner angebotener Speisen (Algensalat, unidentifizierbare Suppen, fragwürdige Fleischsoßen) nicht so sehr in der Auswahl, als vielmehr darin, diese dann den Damen hinter der Theke verständlich zu machen. Makkaroni bitte. – Что ещё? (Was noch – eine sehr wichtige Frage in allen Einkaufssituationen in denen Theken involviert sind.) – Nur Makkaroni. – Fleisch? Fisch? – Sonst nichts. – (Seltsamer Blick) – Danke. – Bitte. (On a sidenote: Das ständige “Danke”-Sagen macht es, neben mangelhaften Russischkenntnissen, äußerst einfach den Ausländer in Russland zu identifizieren.)

Die wahre Schatzgrube verbirgt sich jedoch (mit Ausnahme der Luxus-столовая im ГУМ, wo die Anordnung umgekehrt ist) unmittelbar vor der Kasse. Während die Kassiererin bereits in Hypergeschwindigkeit meine auf dem Tablett versammelten Speisen addiert und mir einen Preis entgegen wirft (kurzer double-check auf der Anzeige, jap, 150, nicht 115, das alte Spiel), greife ich nach einem Gebäckstück/Pfannkuchen/in Fett gebackenem Etwas, zucke dann aber zurück und stelle die wichtigste Frage überhaupt: Это сладкий? (Ist das süß?) Man könnte sagen, von all den vielen wichtigen Fragen, die ich hier täglich stelle (Wo ist … ? Was kostet das? Können Sie das wiederholen?) ist das die allerwichtigste.

Das Perfide ist nämlich, dass die russische Küche zwar, zu meinem größten Vergnügen, allerlei in Fett gebackene, gewendete oder gebratene Köstlichkeiten kennt, diese aber oft auch nicht-süß sind. Пироги (Piroggen), die mit Käse, Kraut oder Fleisch gefüllt sind oder Блины (Bliny, Pfannkuchen) dito, werden in der Auslage der Kantinen, Bäckereien, Supermärkte und Delikatessenläden jedoch in unmittelbarer Nähe zu den mit Äpfeln, Kirschen oder творог (Quark) gefüllten ausgestellt. Hinterhältig! Gemein!

Bei den Piroggen gibt es gewisse optische Hinweise, die man nach und nach erkennen kann, im besten Fall steckt irgendwo in irgendeinem der Teile ein Schild und mit viel Glück kann es auch entziffert werden. Aber wehe man ist in Eile, so wie ich neulich hungrig im Supermarkt und lässt sich von seinen eigenen kulturellen Vorannahmen leiten. Dann hat man plötzlich vermeintliche Quarkküchlein gekauft, die aber mit Fleisch gefüllt sind. Pech gehabt.

Hat man die süßen Speisen aber erst einmal identifiziert, wartet hier das reinste Paradies auf den Liebhaber der fettig-zuckrigen Küche. Wo Sahne rein, rauf oder runter kann, ist Sahne drin, drauf oder drunter. Was in Fett zubereitet werden kann, wird in Fett zubereitet. Und nach oben hin ist die Zucker-Skala ja bekanntlich offen.

Zum Schluss bleibt noch zu erzählen, dass B. und ich gestern, als wir in einem Bäckerei-Bistro standen und in uns hinein mampften (Pizza, Hackfleisch-Auflauf einerseits, Bliny mit Quark andererseits…) von den Angestellten gebeten wurden, uns in ihr Gästebuch einzutragen. Gerne auch in unserer Sprache – wo kommt ihr her?

(Ein so genanntes Biermenü.)

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