Dass das deutsch-russische Jahr in Berlin bisher besonders präsent wäre, kann man nicht wirklich behaupten. Als ich im September in Moskau war, hatte ich den Eindruck, dort seien an allen Ecken und Enden Veranstaltungen und Ausstellungen anlässlich dieses in meinen Augen recht willkürlich gewählten Jubeljahres geplant oder im Gange. – In Berlin drängt sich dieser Eindruck nicht unbedingt auf. Umso  gespannter war ich daher, was die relativ unauffällig beworbene aber gerade daher in meinen Augen als vermutlich qualitativ hochwertige (man verzeihe mir dieses elitäre Vorurteil) einzustufende Ausstellung „Russen & Deutsche. 1000 Jahre Kunst, Geschichte und Kultur“ zu bieten hatte.

Nun bin ich zwar vielseitig kulturell interessiert, meine Eigenmotivation hält sich aber bedauerlicherweise in Grenzen, so dass ich meist erst dann in Museen, Theater oder Konzertsäle komme, wenn man das für mich organisiert. So auch in diesem Fall. Zum Glück hat meine Russischlehrerin beschlossen, dass es an der Zeit für einen Klassenausflug sei und nicht nur kam ich endlich mal ins wirklich sehr schöne und eindrückliche Neue Museum, sondern eben auch in diese Ausstellung. Inklusive Führung. Auf Russisch. Natürlich. (Notiz: Der Chor auf der Freitreppe, als wir ankamen, der wäre nun also wirklich nicht nötig gewesen…)

Zum Glück (Frau L., es tut mir leid…) war die Beschilderung der Ausstellungsräume und –gegenstände auf deutsch (und englisch, nicht auf russisch, Manko Nummer 1), so dass ich hier nicht im fehlerhaft-halbinformierten Raum vor mich hin strauchle.

Also. Die Ausstellung an sich ist sehr schön. Dieses auf den ersten Blick sehr unspezifische Urteil basiert darauf, dass die Optik der Räume, die Farbwahl, die Einrichtung, die Darstellung und Präsentation der Exponate, die Beschriftungen etc., einfach schön sind. Man sieht sich das Ganze gerne an. Auch die Aufteilung der Räume (recht konventionell) und die damit verbundenen Exponate bzw. Themenschwerpunkte sind sehr gut gewählt und halten das Interesse des Besuchers hoch. Katharina II. ist zum Beispiel gelb.

Leider ist Schönheit aber auch schon fast das einzig Positive, das ich zu vermerken habe. Während M. die Qualität der ausgestellten Artefakte bemängelte, finde ich, dass gerade die Auswahl scheinbar profaner Gegenstände neben weltberühmten Gemälden interessante Ideen widerspiegelt. Das Konzept, das beispielsweise hinter der parallelen Installation zweier ähnlicher Schuhe, wie sie zum einen in Schleswig, zum anderen in Nowgorod gefunden wurden, oder die Präsentation von Rüstungen, Bauplänen und Ersteditionen muss man sich erstmal überlegen. Daher: Ein großer Pluspunkt für die Konzeption. Die Verbindungen, die seit nunmehr über 1000 Jahren zwischen Volksstämmen in der Gegend des heutigen Russland und des heutigen Deutschland, zwischen den daraus hervor gegangenen Fürstentümern und Staaten bestanden und bestehen, werden auf ansprechende Weise präsentiert.

B. möchte mich immer von der Sandwich-Methode überzeugen, sprich Lob – Kritik – Lob, aber ich bin alter Schule, ich habe gelernt These – Antithese – Synthese und deshalb folgt jetzt die Kritik und dann die Schlussfolgerung, die sich ja aber auf meine Kritik stützt. Die Ausstellung hat zwei kleine und ein großes Problem. Es soll die Geschichte der Beziehungen zwischen „den Deutschen“ und „den Russen“ dargestellt werden, an keiner Stelle wird aber genauer definiert, wer das eigentlich sein soll. Man erfährt von den Beziehungen zwischen Nowgorod und der Hanse, von den Gesandten Ivans IV. zum Reichstag Maximilians II. in Regensburg, von der Heiratspolitik der russischen Zaren und von den Exilanten im Berlin der 1920er Jahre – aber was sie alle verbindet und wieso das jetzt „die Russen“ bzw. „die Deutschen“ sind, nunja. (Dass die erklärenden Tafeltexte eher mittelgut sind, das übergehe ich an dieser Stelle einfach mal.)

Die gemeinsame Geschichte beider, ich sag jetzt mal Nationen, endet dann im Prinzip 1939. Ein Schnelldurchlauf in einem Raum vom Ersten Weltkrieg über die Kunst der 1920er (Heinrich Vogeler, El Lissitzky) und die deutschen Architekten, die am Wettbewerb für den Palast der Sowjets teilgenommen haben, führt zum Hitler-Stalin-Pakt (das Herz der Historikerin hüpfte ein wenig ob des Originals der berühmten Karte) und dann ist Schluss. Der nächste Raum ist eine künstlerische Interpretation des Zweiten Weltkriegs und danach kommt nicht mehr viel. Besatzungszeit? Kalter Krieg? Mauerbau? Perestroika? Putin? Fehlanzeige.

Ich gebe zu, ich war noch ein wenig abgelenkt von meiner sehr negativen Reaktion auf die Kunst (ich komme sofort darauf zurück), aber ich glaube, da habe ich nichts übersehen. Der letzte Raum ist mit Zitaten berühmter und weniger berühmter Russen über Deutschland geschmückt (Lew Kopelew, Wladimir Kaminer) und mit in der Hauptsache Bildern vom Leben in Deutschland. Kurzer Disclaimer: Ich bin da dann wirklich sehr schnell durchgelaufen und vielleicht tue ich der Sache Unrecht, kann schon sein, aber auffällig anders, als eben beschrieben war’s zumindest nicht. Ganz am Ende folgt noch ein kleiner Exkurs zum Thema Bernsteinzimmer und Beutekunst (vom Umfang her völlig zu vernachlässigen) und aus. Schade, schade, schade.

Nicht nur, dass meiner Ansicht nach eine künstlerische Darstellung des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust (ich nehme mal an, der ist damit auch gemeint), in einer historischen Ausstellung einfach nichts zu suchen hat, ich finde wirklich, dass der positive Eindruck, den die ersten beiden Drittel der Ausstellung geschaffen haben, dadurch ausradiert wird.

Warum diese starke Reaktion? Zum Einen deshalb, weil das gleiche Prinzip auch schon in der Ausstellung über 1000 Jahre deutsch-polnischer Geschichte vor nicht allzu langer Zeit im Martin-Gropius-Bau ganz ähnlich zu beobachten war (hier ersetzte ein schwarz abgehangener Raum eine Auseinandersetzung mit bzw. Repräsentation der Jahre 1939-1945). Die damalige Ausstellung war an sich ein Flop in meinen Augen, so dass sich das eben in den Gesamteindruck einfügte, was wir im Besucherbuch auf mehreren Seiten auch so anmerkten, aber hier und heute war ich richtiggehend enttäuscht. Und ich hatte irgendwie sogar damit gerechnet – ich sollte wirklich mehr auf mein Bauchgefühl hören.

Zum Anderen deshalb, weil die Argumentation, dass die Geschichte des Zweiten Weltkriegs (und des Holocaust?) zu Genüge dargestellt worden und hinlänglich bekannt sei nun also wirklich kein Argument sein darf und auch nicht der Gedanke, dass sich jeder Besucher seine eigenen Vorstellungen machen könne, wenn er die fünf Bilder von russischen/deutschen Landschafen (St. Petersburg, Wolgograd, Kursk, Nummer 4 habe ich vergessen, Seelower Höhen, alle 2012 aufgenommen, im Winter, wie „passend“) auf sich einwirken lässt. Was sollen das dann für Vorstellungen sein? Eigentlich doch nur Panzer.

Panzer in der Steppe, Panzer auf dem Eis der Newa, Panzer im Schwarzerdegebiet, Panzer vor Berlin. Und das war dann der Zweite Weltkrieg? Großartige Auseinandersetzung mit einem Thema das nun gerade für die Spannungen im deutsch-russischen Verhältnis steht, immer noch. Entweder man konzipiert eine historische Ausstellung oder eine künstlerisch-emotionale. Sich um eine Diskussion zu drücken, weil man „das ja schon oft genug hatte“… dazu fällt mir nun wirklich nichts Nettes mehr ein. Die Relevanz von hessischen Prinzessinnen, die mit 14 an den Zarenhof verheiratet wurden, sehe ich heute außerhalb gewisser Presseerzeugnisse nicht mehr unbedingt, aber die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges kann man weiterhin live und in Farbe erleben. Und deshalb gehören diese Jahre in eine Ausstellung über 1000 Jahre Geschichte der Deutschen und der Russen. Oder man nennt sie eben “1000 Jahre Heitschipopeitschi und alles Blöde lassen wir weg”.

Be Sociable, Share!

Leave a Reply

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

(required)

(required)