Es klangt verlockend: Eine Exkursion inklusive Schifffahrt auf der Wolga! B., ich und ein ganzer Reisebus voller Japaner verbrachten das Wochenende in Twer, etwa 3 Stunden nördlich von Moskau. Es war großartig!

Dank völliger Ahnungslosigkeit stolperten wir mitten in ein groß angelegtes internationales Austauschprojekt, das von vorne bis hinten perfekt durchorganisiert war. Bereits bei der Vorstellungsrunde wurde jedoch offensichtlich, dass wir beiden seltsamen Deutschen, die da irgendwie in dieser Gruppe Japaner gelandet waren, trotz deren eigentlich exotischerem Status den größten Teil des allgemeinen Interesses auf uns ziehen würden. Die Japaner sprachen nämlich nicht viel und wenn dann sehr leise. Beides kann man von B. und mir nicht behaupten. Es gab Tee und Lebkuchen und Daniel, der uns erklären sollte, wie das denn jetzt geht mit dem Tee und den Lebkuchen, der aber lieber in seinen Becher murmelte und Dima, der B. im Anschluss eine Plastiktüte voll Lebkuchen in die Hand drückte, “weil sie euch so gut geschmeckt haben”.


Es folgte eine Tanzstunde. Ja, genau. So wie früher. Mädchen und Jungs stellen sich gegenüber auf und dann geht das Kichern los. Die Gastgeber hatten sich umgezogen und trugen jetzt traditionelle Kostüme. Die Tracht in Twer ist in den Farben weiß und rot gehalten, das wussten wir schon, denn wir waren zuvor schon im Heimatkundemuseum gewesen. Dort gab es zur Begrüßung Brot und Salz und Kwass, ein Getränk, das aus Brot gemacht wird. Dass Ajami, die kleine Japanerin mit der Brille, Kwass eher so mittelgut fand, konnte man daraus schließen, dass sie den absolut besten “uuuääähhhh”-Laut aller Zeiten von sich gab. Zurück zur Tanzstunde. Die völlige Albernheit, die nach dem Erlernen von ein, zwei Tanzschritten vorherrschte, wurde noch gesteigert, durch eine Runde Reise-nach-Jerusalem. Mitten im prächtigsten Saal der Uni von Twer rannten etwa 15 Leute im Kreis um Stühle herum und schubsten, rempelten und schoben sich gegenseitig durch die Gegend. Und am Ende gewinnen immer die Deutschen. Also ich. Dass es dazu kommen würde, war meinerseits und auch von den Anwesenden, die mich kannten (B.) nie wirklich angezweifelt worden. Trotzdem immer wieder schön.


Dann endlich, nachdem ich Ruhm und Ehre und jede Menge neue Freunde gewonnen hatte, folgte die groß angekündigte Schifffahrt. Es ist mir immer noch schleierhaft, wieso ich nicht misstrauischer war. Denn natürlich handelte es sich nicht um eine Schifffahrt mit Lautsprecherbespaßung, wie man das von der Spree kennt (“Da vorne sehen Sie das Kanzleramt, der Berliner nennt es scherzhaft ‘die Waschmaschine’…” Nein. Tut er nicht.), sondern um eine fröhliche Open-Air-Veranstaltung wie wir sie einst im Märzwind in Budapest genießen durften, bevor wir dann tagelang krank waren. Einschub: Nicht nur, dass es sehr viel regnet, die Temperaturen bewegen sich momentan im Bereich zwischen 8 und 14 Grad. Weder habe ich ausreichend warme Kleidung mitgenommen, noch bin ich mental auf Winter eingestellt. Aber es ist ja auch noch nicht Winter, es liegt kein Schnee und man kann ohne Mütze raus gehen… Also kann man auch auf einem Schiff mit offenem Deck über die Wolga kreuzen. Der einzige Nachteil: Ja, es gibt hier eine Fischfabrik, ja es stinkt “manchmal” ein “bisschen”.


Ich hatte mitbekommen, wie Kostja von einem Club names “Sarei” (dachte ich, heißt aber “Sunrise”) sprach und die Gelegenheit gleich beim Schopf ergriffen, um das Abendprogramm klar zu machen. Im Bug des Schiffes kam es zu einem konspirativen Treffen: “Also. Niemand darf wissen, dass wir weggehen. Wir machen später beim Abendessen eine Zeit aus.” Soweit, so verständlich, immerhin handelte es sich um eine offizielle Uni-Veranstaltung. Später dann allerdings wurde klar, dass Kostja offenbar ein wenig besorgt um unsere Sicherheit war. Auf dem Weg zum “Sunrise” (21.30 Uhr) schärfte er mir die Verhaltensregeln für den Abend ein: Ich solle mit niemandem sprechen und wenn ich doch angesprochen würde, sollte ich ihn oder Anja oder Jelena für mich antworten lassen. Ich wurde ein wenig rebellisch und fragte nach, ob wir als Ausländer ein Problem darstellten. Nein, nein, beschwichtigte er mich, nur Leute aus dem Kaukasus seien ein Problem.

Das “Sunrise” war eine Mischung aus Matrix und Fritz-Club, also ein Ort, an den mich unter anderen Umständen keine sieben Pferde und auch keine noch so große Menge Alkohol bringen würde. (Keine Ahnung, wie das Matrix tatsächlich aussieht, ich war ja noch nie da.) Die “extrem lange Schlange” (ca. 15 Leute) brachte Kostja erneut fast zur Verzweiflung, aber zum Glück durften Mädchen “aus Toleranzgründen” daran vorbei und schonmal rein. 50 Rubel Eintritt. Läuft. Wo ist der Alkohol? Leichtsinnigerweise meinte ich zu Anja, ich trinke das, was du trinkst, und landete am Ende mit einer seltsamen Mischung aus Cola und Bananensirup, in die der Barman außerdem irgendeine klare Flüssigkeit gekippt hatte, die ich fälschlicherweise für Wodka hielt, die aber ganz sicher keinen Alkohol enthielt. Nun gut, dann wenigstens tanzen, ja? Auf der Tanzfläche: All die Mädchen, die schon rein gedurft hatten und die nun niemanden mit ihren Röckchen und ihren Killer-Absätzen beeindrucken konnten, auf der Bühne ein DJ und ein Typ mit einem Mikrofon, der den Rest des Abends über “Davaj, davaj!” in selbiges rufen würde, worauf man ein enthusiastisches “Oh, oh!” zu erwidern hatte. Und Laser. Überall Laser. Die Musik… sprechen wir nicht darüber. “Клуб Мюзик”…

Kostja kündigte an, dass wir gegen 4 Uhr gehen würden, da war es kurz nach zehn. Der Abend hatte Potenzial bis 22.30 Uhr. Es war jedoch ausgeschlossen, dass wir alleine nach Hause, sprich zum Hotel, gehen würden, das hatte Kostja klar gemacht, er oder eines der Mädchen würde uns begleiten und außerdem ganz sicher nicht zu Fuß, sondern unbedingt mit dem Taxi. Kostet auch nur 120 Rubel. – Wenn es nur 120 Rubel kostet, dann kann es nicht so weit sein, ein Blick auf Google-Maps bestätigte dies. Trotzdem. Da blieb Kostja hart. Aber es war ja auch erst 22.12 Uhr und es lagen noch viele Stunden Spaß vor uns.

Die Musik wurde zwar nicht besser, aber die Drinks, die ich mir dann auch irgendwann selbst bestellen durfte, enthielten Alkohol, das Publikum hatte hohen Unterhaltungswert, die Wände auf der Damentoilette waren mit rosa Plüsch gefüttert und irgendwann begannen die Spiele. Der MC bat um Freiwillige, die, Spiel 1, mit verbundenen Augen durch Ertasten Gegenstände erraten sollten. Mit dem Allerwertesten. Also indem sie sich darauf setzten. Zu gewinnen gab es eine Flasche Sekt. Ein paar Stunden später dann Spiel Nummer 2, der Schwierigkeitsgrad war gestiegen, daher durften nur Männer teilnehmen: Jeder bekam ein Shotglas mit Tequila und eine halbe Zitrone und wer als erster beides in sich hinein gestopft hatte, gewann: Ein Flasche Sekt. Der junge Mann, der gewann, aß einfach die ganze halbe Zitrone. Andererseits war er aber auch schon so betrunken, dass er die Flasche Sekt sicher an seine Horde weiblicher Bewunderer weiter gereicht hat.

Unsererseits verfielen B. und ich in alte Muster renitenten Verhaltens gegenüber unseren Aufpassern. Ob auf’s Klo oder an die Bar oder zurück auf die Tanzfläche, Anja und Jelena und Kostja (und dieser andere Typ, dessen Namen ich nicht wusste) kamen immer mit. Oder mindestens immer einer von ihnen. Es hätte ja sein können, dass wir mit jemandem sprechen. Das ist Russland. Ihr wisst nicht wie das hier ist. Erklär’s mir. Kann ich nicht. Mach einfach, was ich dir sage. – Ja. Nicht. Das sind Reflexe, ich kann nicht anders, da werde ich bockig. Ich lasse mir doch nicht von einem 20-jährigen im schimmernden Anzug erzählen, wie ich mich in einem Club, dessen Durchschnittsalter 19 ist und in dem alle Menschen nur mit sich selbst bzw. miteinander beschäftigt sind, verhalten soll. Also bitte. Der Höhepunkt der Rebellion war da, als B. und ich uns strikt weigerten, Kostja an den – sicherlich unter enormen Anstrengungen – organisierten Tisch zu folgen. “Nene, du, geh ruhig, die Musik is grade so super…!” Ähä.

Irgendwann wollten Anja und Jelena und Aljona, die unterdessen auch noch dazu gestoßen war, dann gehen – sie kippten fast aus den Latschen, es war 1 Uhr. Ob ich denn müde sei und gehen wolle. Nein, eigentlich nicht. Ja also, sie seien müde. Ja, dann sollten sie doch nach Hause gehen. Aber ob ich denn nicht mit käme? Nein? Dann, hm, also, puh. Dann geht einfach ohne mich? Bitte. Bitte geht, ihr seid müde, ich bin groß, ich war schonmal in einem Club, die Jungs sind auch noch hier. Ja, ok, also, wenn das wirklich in Ordnung sei, dann würden sie gehen, aber ich müsse versprechen, später, wenn wir zurück im Hotel seien, eine SMS zu schicken. Ja, Mama.

Irgendwann wollten dann auch B. und ich gehen. Es war aber noch nicht 4 Uhr und Kostjas Plan sah nicht vor, dass wir alleine, ohne ihn, den gefahrvollen Heimweg antreten würden. Er fing ein wenig an zu ventilieren und bestand darauf, uns ein Taxi zu rufen. Da es regnete, war das ok. Das Taxi wurde uns dann aber von zwei herumlungernden und offenbar auf genau diese Gelegenheit wartenden Typen gestohlen. Was tun? Gut, dass noch jede Menge andere Taxis vor dem Club standen. Kostja ließ uns dann auch einsteigen, aber ich musste versprechen, ihm eine SMS zu schicken, wenn wir heil im Hotel angekommen waren. Ja, Papa.

Als wir 3 Minuten Taxifahrt später im Hotel angekommen waren, habe ich Anja und Kostja jeweils geschrieben, dass wir es unversehrt geschafft haben. Und dann haben wir uns im 24h-Bistro erstmal eine fette Platte Schrimps bestellt, der Abend war ja noch jung und die besten Gespräche führt man sowieso um 3 Uhr morgens und bei Bier. Am nächsten Tag trafen sich alle wieder zur großen Stadtführung, 3 Stunden bei Dauerregen. Anja und Jelena waren ein wenig fertig, Kostja tauchte gar nicht und Aljona mit großer Verspätung auf. Da wir ja nicht sagen durften, dass wir mit ihnen tanzen gewesen waren, stieg unser Ansehen bei den Anderen (Russen und Japaner) noch zusätzlich dadurch, dass die nun dachten, wir seien alleine, auf eigene Faust durch die Nacht von Twer gezogen.

Auf dem Rückweg im Bus wurde uns mal wieder klar, dass wir von Russland noch so gut wie nichts gesehen haben. Twer liegt nur 170 km von Moskau entfernt und ist schon eine vollkommen andere Welt, trotz vkontakti (russisches Facebook) und Facebook und amerikanischer Serien.

Ich mache Dinge gerne so, wie sie gemacht werden sollen. Also im öffentlichen Leben: Ich fahre nicht ohne Ticket mit dem Zug, ich stehe rechts auf der Rolltreppe und ich warte an roten Ampeln, wenn Kinder in der Nähe sind. (Wenn keine Kinder da sind nicht, stimmt. Das ist reine Schikane.) Wenn ich mal zufällig meine Fahrradlichter vergessen habe und bei Dunkelheit an einem Polizeiauto vorbei komme, dann steige ich auch gerne mal ab und schiebe ein paar Meter. Man könnte sagen, ich halte mich gerne an Regeln. Das ist so aber auch nicht richtig. Ich finde Regeln (oder worauf es ja meistens hinaus läuft: Verbote) nicht irgendwie geil und mich dann ganz super, weil ich mich daran halte. Irgendwie hab ich eben einfach Schiss, dass ich erwischt werde oder dass Leute schlecht von mir denken. Was auch immer das jetzt über mich aussagen mag.

Als Tourist in Moskau gibt es jede Menge Regeln und Vorschriften, manche offiziell, andere inoffiziell, die man kennen sollte. Ein Beispiel: Als ich 2010 das erste Mal hier war, hat man uns ermahnt, dass wir immer unseren Reisepass mit uns tragen sollen und dass wir – ganz wichtig – wenn uns die Polizei anhält, ihnen diesen Pass nicht und auch kein Geld geben, sondern uns auf die deutsche  Botschaft berufen sollen. Warum auch immer einem die Polizei anhalten wollen sollte. Der Pass alleine reicht aber noch nicht. Zusätzlich hat man zu jeder Zeit die so genannte “Immigrationskarte”, einen Zettel, auf dem am Flughafen, zusätzlich zum abgestempelten Visum, vermerkt wird, wann und wo man eingereist ist und außerdem die so genannte “Registrazija”, den Nachweis, wo in Russland man sich tatsächlich gerade aufhält, mit sich herum zu tragen. Drei verschiede Dokumente also, zwei davon Miniblätter, die aber beide, so wurde uns gesagt, unglaublich wichtig sind: Wer ohne Registrazija von der Polizei angehalten wird, hat ein Problem und wer ohne Immigrationszettel wieder ausreisen will, hat ebenfalls ein Problem. Paranoides Verhalten wird hier auf jeden Fall unterstützt und generell gilt sowieso, je mehr abgestempeltes Papier im Spiel ist und je schwieriger es zu erhalten ist und je schlimmer die Konsequenzen sind, wenn man es verliert, desto besser.

Den Pass immer dabei zu haben, das ist tatsächlich wichtig, denn man muss ihn bei den unterschiedlichsten Gelegenheiten vorzeigen. Aber natürlich fragt einen nie jemand nach der Registrazija – und doch braucht man sie, denn: “Das Fehlen einer Registrierung lässt es nicht zu, dass Sie bestimmte rechtliche Dienste nutzen und kann, was sogar unangenehmer ist, der Grund für eine Strafe und Ihre Verhaftung durch die Police sein.” (Отсутствие регистрации не позволит Вам производить определенные правовые действия и, что более неприятно, может быть причиной штрафа и задержания Вас полицией.) Genau dieses “sogar noch unangenehmer” ist der Grund, weshalb ich mich auf jeden Fall registrieren wollte – ich bin für paranoide Gedankenspiele nach dem Motto die-Polizei-wird-mich-anhalten-und-ich-werde-ausgewiesen-werden sehr empfänglich.

Weil dieses Mal alles anders ist und es dieses Mal keine Muttis und Sprachinstitute gibt, die unangenehme Behördengänge für mich übernehmen, habe ich mich – zugegebenermaßen tatsächlich auch mit einer gewissen Neugierde und einem Funken Abenteuerlust – in den Verordnungsdschungel gestürzt. Bereits beim Eintippen der Begriffe “регистрация в россии иностранных граждан” (Registrierung in Russland für ausländische Staatsbürger) liefert Google dankenswerterweise die Ergänzung “на почте” (auf der Post) gleich mit, so dass ich nicht lange suchen musste und die nächste Postfiliale lag glücklicherweise auf meinem Weg zu Metro. Fest entschlossen, mich nun also selbstständig zu registrieren, trat ich dort schwungvoll ein und fragte den mir zur Hilfe eilenden Security-Mann, ob das denn hier möglich sei. Er händigte mir hilfsbereit ein Formular aus, das dann am Schalter abzugeben sei. In diesem Moment hätte ich ahnen müssen, dass es nicht so einfach sein kann, aber – noch so eine Charaktereigenschaft – ich glaube gerne daran, dass andere Menschen mir erstmal nichts Böses wollen. Es endete damit, dass ich wutentbrannt aus der Post stürmte, was leider dadurch an Effekt eingebüßt hat, dass ich meinen wirklich sehr schweren Koffer hinter mir her zerrte. Wenn ich eins nicht leiden kann, dann von Fremden grundlos angeschrien zu werden. Meckern, Schimpfen, Beschimpfen und meinetwegen auch stumpfes Ignorieren – damit komme ich klar, aber als die Post-Oma mich nicht nur nicht ausreden lassen hat, sondern mir eine Reihe von “Нет”s entgegen schleuderte, weg lief, zurück kam um mir nochmals, noch lauter, ein “ich kann nichts machen, keine Fragen, nein” an den Kopf zu werfen, da wusste ich wieder, wo ich war und dass die Menschen hier eben erstmal nicht dein Bestes wollen. B., der die ersten Frustphasen schon hinter sich hat, gab mir unterdessen den guten Rat, beim nächsten Mal einfach zurück zu schreien, auf Deutsch.

Es war also doch nicht so einfach, wie ich dachte, denn, so lautete die Information, die ich meinte dem Geschrei entnommen zu haben, “deine Freundin muss mitkommen um dich zu registrieren”. Ich habe mir dann das Formular genauer angeschaut und festgestellt, dass die Daten meines Gastgebers inklusive Passnummer und Unterschrift ergänzt werden mussten. Stempel auch, wenn vorhanden. Gesagt getan. Mit dem neu ausgefüllten Formular bin ich zwei Tage später zur Post hier um die Ecke. Nach 10 Minuten anstehen dann die entnervte Reaktion der Post-Oma: Registrieren ist hier nicht möglich, das geht nur in größeren Filialen, zwei Straßen weiter ist eine. Zwei Straßen weiter wies mich die nächste Post-Oma dann darauf hin, dass ich mich selbst überhaupt nicht registrieren könne, das müsse der Gastgeber für den Gast übernehmen. Mittlerweile war ich schon etwas abgestumpft und nahm mir einen anderen Rat zu Herzen und suchte mir eine neue, noch größere Postfiliale, denn, eine generell gilt für das tägliche Überleben hier: Nur weil man dir sagt, dass es nicht möglich ist, heißt das nicht, dass es tatsächlich nicht möglich ist.

Mich so von Postfiliale zu Postfiliale hangelnd nahm sich im zentralen Telegrafenamt endlich eine barmherzige Seele meiner an. Die vermutlich netteste Post-Angestellte von ganz Moskau erklärte mir mit Engelsgeduld wie ich das Formular richtig ausfüllen und welche Unterlagen ich beifügen sollte (Kopien meines Passes und des Passes meiner Freundin, das Formular in doppelter Ausführung, dazu eine Anweisung über den Inhalt des Umschlages, in den das Ganze zu stecken war, nebst 180 Rubel). Alle diese Informationen habe ich in dem Moment zum ersten Mal gehört, aber vor überraschter Freude über so viel Hilfsbereitschaft blieb keine Gelegenheit mich über das Verhalten der Post-Omas in den anderen drei Filialen zu ärgern. Leider stellte sich dann, nachdem all das geklärt worden war, heraus, dass die Post gar nicht die richtige Anlaufstelle für mich ist.

Unterdessen hatten sich verschiedene andere Personen eingefunden, die ebenfalls Registrierungen durchführen wollten. Heinz, ca. 55 (Name der Redaktion nicht bekannt), aus Augsburg, der hier seine Freundin für 2,5 Wochen besucht, gab mir den Hinweis, dass die Formulare auf Kyrillisch auszufüllen seien, seine Freundin war etwas wortkarger und speiste mich mit einem “he talk English” ab. Dafür nahm mich die nette Dame, die nach mir gekommen war, unter ihre Fittiche und schaffte es, dass die Post-Frau, obwohl sie eigentlich schon festgestellt hatte, dass sie die Regeln nicht erfunden hat und sie daher auch nicht ändern kann, ihr schlaues Buch zu Rate zog. Die beiden einigten sich dann darauf, mich zu einer ominösen Einrichtung namens УФМС zu schicken. Dahinter verbirgt sich die Behörde, die für die Registrierung von ausländischen Staatsbürgern zuständig ist, die das Tagesgeschäft aber offenbar an die Russische Post ausgelagert hat. УФМС ist – es gibt immer einen Lichtblick – zufälligerweise direkt bei mir um die Ecke ansässig. Jedoch: Der auch wieder ausgesprochen freundliche Milizionär schüttelte nur bedauernd den Kopf und gab mir mehr oder weniger zu verstehen, dass es jetzt wohl an der Zeit sei, eine kreative, oder wie J. zurecht sagte, eine “russische” Lösung zu suchen: “Ja, Sie brauchen eine Registrazija. Nein, ich weiß nicht, wie sie das machen sollen.” Ich habe fast angefangen zu weinen.

Ich mache Dinge gerne so, wie sie gemacht werden sollen. Trotzdem habe ich jetzt eine Registrazija.

Gestern war День города, Tag der Stadt. Moskau wurde 865 Jahre alt – wenn das kein Grund zum Feiern ist, denn schließlich handelt es sich dabei um die “allerbeste Stadt der Welt” (Zitat). Alle kleinen Mädchen bekommen weiße Rüschenschleifen in die Zöpfe gebunden (Neid!), alle großen Mädchen flechten sich die Haare in absurde Zopfkunstwerke (Noch mehr Neid!) und los geht’s!

Das Ganze war eine Mischung aus Fête de la Musique und Fanmeile: Überall in der Stadt wurden Bühnen aufgebaut, die jede einzelne auf einem mittelgroßen Festival hätte stehen können. Dazu Fahnen und Blumenarrangements. Überhaupt: In Berlin sieht man viel zu selten Blumenbeete in Form von Schriftzügen oder Jahreszahlen. Das sollte dringend geändert werden!

Wir zogen ein wenig planlos von einer Location zur andern. Am Парк Победы spielten Rockbands, im Gorky-Park wurde Rock’n’Roll getanzt und vor dem Luschniki-Stadion trat das who-is-who des russischen Raps auf. Zum Abschluss des Tages sollte es angeblich ein Feuerwerk geben, also nichts wie hoch zur Universität – leider war das ganze dann eher enttäuschend und die gepimpten Motorräder und die Feuerspucker doch irgendwie interessanter.

G. hatte gesagt, an einem solchen Feiertag, wenn alle Leute unterwegs seien, bliebe er zuhause. (Kommt mit irgendwie bekannt vor, ich meine, wer geht schon auf die Fanmeile?) Und J. kommentierte mein Fahnenfoto mit “grauenhaft”. Ich kann beiden nicht zustimmen: Es war – zumindest für uns – mehr Myfest als Fanmeile und hauptsächlich ein großer Spaß.


Ja, ich hatte mehr Patriotismus befürchtet. Und ok – wir waren nicht bei der Militärmusikparade auf dem Roten Platz, aber insgesamt habe ich den Eindruck, dass es – mit Ausnahme vereinzelter Rossia-Trainingsanzugträger – gestern doch eher um Moskau ging als um Russland. Ganz besonders unterhaltsam finde ich in diesem Zusammenhang die russischen Rapper, die irgendwie alle mindestens ein Lied im Repertoire zu haben scheinen, in dem sie die “allerbeste Stadt der Welt” besingen. Und Alle singen mit: Руки in the Air!

 

“Nie wieder Moskau im März!”, das war die Devise. Und nun regnet’s… ICH BESCHWERE MICH NICHT! Ich besitze jetzt einen ultranicen russischen Knirps-Regenschirm mit Glitzer und Rüschen, Kostenpunkt 550 Rubel, ja, ich bin noch ein wenig im Währungswirrwarr.

N. hat sich entschuldigt, dass es regnet und J. hat bedauernd festgestellt, dass es regnet – ich habe wohl ein- oder zweimal zu oft meine Erwartungen an Moskau im Sommer so nebenbei fallen gelassen. Dabei sind die gar nicht so hoch: Meine wettertechnischen Erfahrungen mit der Stadt bewegen sich im Temperaturspektrum zwischen – 25 und +8 Grad. Wind. Schnee. Schneeregen. Und ja, auch Sonne, ich will nicht ungerecht erscheinen. Aber Sonne ist eben nicht gleich Sonne und wenn man zwei Paar Pullover, zwei Paar Strumpfhosen, zwei Paar Socken, zwei Schals, zwei Mützen und zwei Paar Handschuhe, dazu Mantel und Winterstiefel trägt… nunja, you get the picture. Und jetzt blühen die Blumen (am Wochenende ist Tag der Stadt Moskau, da putzt man die Grünanlagen natürlich fein heraus), an den Bäumen hängen Blätter und man sieht den Boden, auf dem man geht.

Zum Vergleich:

 

 


(Moderne Marketing-Methoden haben auch hier Einzug gehalten.)

Der Nachteil? Ich habe nasse Füße. Denn obwohl ich gefühlt tausend Paar Schuhe eingepackt habe (Details hat K.), Gummistiefel sind nicht dabei. Warum auch? Hey, es ist schließlich Sommer!

Möglicherweise habe ich damals bei Frau Krabichler in Erdkunde dann doch nicht so gut aufgepasst, als wir Wetterdiagramme besprochen haben, wie ich dachte – und bisher hatte ich mir eingebildet, das als eine der wenigen Erkenntnisse für das nach-schulische Leben mitgenommen zu haben (neben Prozentrechnen und dem lückenhaften Verständnis für Atmungsprozesse bei Kurz- und Langstreckenläufen). Hätte ich wirklich aufgepasst, hätte ich mich vermutlich besser informiert, wie es um die mittleren Niederschlagsmengen hier so bestellt ist. (Ok, wen verarsche ich hier eigentlich, als ob… was ich sagen will: Ich habe keinen Gedanken daran verschwendet, wie das Wetter wohl so werden wird, sondern mich darauf verlassen, dass es schon ok sein wird.)

Zitat: “Moskau befindet sich mit seinem vollhumiden Klima in der kühlgemäßigten Klimazone mit Kontinentalklima. Die durchschnittliche Jahrestemperatur beträgt 5,4 Grad Celsius, der Jahresniederschlag liegt bei 705 Millimetern. Der meiste Niederschlag fällt im Juli (90 Millimeter), der wenigste im März (33 Millimeter).”

Wie auch immer. Ich habe jedenfalls nasse Füße, denn wenn die Bürgersteige nicht vereist sind, dann kommen die Schlaglöcher zum Vorschein und wenn die Regenrinnen nicht vereist sind, dann entleeren sie sich ungehemmt auf die Bürgersteige und das all führt dazu, dass man, wenn man nicht gerade zufällig Moses ist (Spoiler Alert: Bin ich nicht.) sich irgendwie seinen Weg durch die Sturzbäche und Tümpel bahnen muss.

Aber: Ich war gestern ohne Socken auf dem Roten Platz!